Musik bringt die Seele zum Schwingen, v.a. wenn man sie selbst macht :-) Eine Ungarin, die ich vor einer Weile kennengelernt hatte, hat mich heute nach Rehovot (etwa 15 km südöstlich von Tel Aviv) zur Chorprobe mitgenommen. Ich habe allerdings etwa 2 Stunden bis dorthin gebraucht: gegen 16:00 habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin auf der Straße (die Samstags immer so schön leer ist) zum Hauptbahnhof gefahren. Es ist eine Gegend, die in Tel Aviv nicht so beliebt und sicher ist. Fahrräder sollte man dort z.B. nicht abstellen, selbst dt. Qualitätsschlösser werden geknackt. Ich sehe viele Philipinas (die hier als Hausmädchen oder Kranken-/Altenpflegerinnen arbeiten) und junge jüdische Äthiopier, die sich im angrenzenden Park ausruhen. Taxifahrer und Sherut (Kleinbusse)-Fahrer werben um Kundschaft, der Gestank von Abgasen liegt in der Luft, es ist schwül warm, ich will eigentlich hier weg. Ich schliesse noch schnell mein Fahrrad an einer Stelle ab, wo ich hoffe, dass keiner es klaut. So lass ich mein Radel ganz alleine da stehen. Ich treffe Eszter, wir steigen in ein Sherut nach Rehovot. Wir setzen uns und reichen 19 Schekel (etwa 4 Euro, zum Samstag sind die Preise etwas höher als sonst) nach vorne zum Busfahrer durch, das Rückgeld wird dann genauso zurück gereicht. Dort angekommen gehen wir ins Weizmann-Institut, einer großen Uni-Anlage mit viel grün. Vorher müssen wir uns noch ausweisen und unsere Rücksäcke zum Prüfen öffnen. Es ist wie in einer anderen Welt: Ruhe, viel Grün, eine angenehme Brise. Der Chorprobenraum ist in einem kleinen Bungalow, zwischen anderen, einer Art Wohnheim. Wir, etwa 30 Leute zw. 20 und 40 Jahren, üben J.S. Bachs Motette "Lobet den Herrn, alle Heiden"
(das lässt mich wieder an die wunderbaren, wohlkingenden und wohltuenden Motetten in Leipzig denken), Carl Orffs "Carmina Burana" und Thomas Tomkins (auch noch nie gehört) "When David heard". Die Chorleiterin ist voller Elan dabei, ist geduldig, trotz dessen, dass immer wieder getuschelt wird. Alles läuft auf Hebräisch, also ein gute Übung für mich. Ich bin nicht die einzige, die wenig versteht. Im Tenor singt ein US-amerikanischer Musiklehrer, Eszter versteht auch nicht alles. Das ist gut zu wissen. Meine eine Nachbarin ist Russin, seit 20 Jahre lebt sie schon in Jerusalem, die andere Israelin. Die 4 Stunden Probe haben es in sich. Zu guter letzt werde ich noch "geprüft": ich soll ein Lied meiner Wahl vorsingen und dann eine Melodie, die die Chorleiterin mir vorspielt. Es ist nicht gerade einfach. Nach einer kurzen Bedenkzeit mit 3 anderen Sängern, werde ich herzlich aufgenommen. Allerdings muss ich jetzt selbst noch üben, da die ersten Konzerte schon vor der Tür stehen. Wie werde ich das ohne mein Klavier machen? Gut, dass es YouTube gibt, und ich mir die Musik zumindest anhören kann :-) Den Heimweg habe ich dann alleine angetreten, da Eszter in Rehovot wohnt. Die Fahrt über habe ich an mein Fahrrad gedacht, und mich gefragt, ob es noch wohl da ist. Ich war so froh, als ich es sah. Dabei kam mir der Gedanke, ob es noch normal ist, Gefühle für sein Fahrrad zu entwickeln. Es hat mich die letzten 6 Jahre gefahren. Da entwickelt man schon eine gewisse Beziehung. So hat es mich dann auch wieder nach Hause gefahren, durch den Samstagabendverkehr, der schon wieder recht rege war.
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