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Montag, 12. November 2012

vom Leid und Glück

Beim Anflug auf Frankfurt am Donnerstag kullern die Tränen mein Gesicht herunter. Vor Traurigkeit und Glück.

Die letzen vier Wochen bin ich mehr als 200 Familien begegnet, die aus ihrer syrischen Heimat flüchten mussten, und nun im Libanon irgendwie überleben, unter Umständen, die sich viele von uns zum Glück nicht vorstellen müssen.

Aus diesen Lebensumständen kann ich zum Glück zurück nach Deutschland, nach Hause kommen, in ein Land, das seit über 70 Jahren keinen Krieg kennt. Ich habe unverdient das Privileg einen deutschen Pass zu besitzen, damit die deutsche Staatsbürgerschaft und viele Vorteile: Freiheit, Sicherheit, keinen Krieg, immer genügend zu essen, ein warmes Bett und warmes Wasser, eine Krankenversicherung. Und sollte ich das mal alles nicht haben, so springt der deutsche Staat für mich ein.

Von Israel aus habe ich wie Ihr aus Deutschland, die Nachrichten verfolgt. Ich stand zweimal an der Grenze zu Syrien und zum Libanon und fragte mich: was kann ich dazu beitragen, dass das Leid der syrischen Menschen gemindert wird? Was ist meine Verantwortung? Dann erhielt ich zwei Mails mit der dringenden Bitte um Ärzte für einen Einsatz unter syrischen Flüchtlingen im Libanon. Ich zögerte ein paar Tage, dann redete mir eine Freundin aus Tel Aviv noch mal gut zu, und ich meldete mich für den Einsatz.

Am 7. Oktober kam ich aus Tel Aviv in Deutschland an. Ich wusch meine Wäsche, ging sicher, dass keine Spuren von Israel in meinem Gepäck waren, ließ meinen Laptop da und wechselte mein Handy und meinen Pass. Denn mit israelischem Stempel im Pass würde mir die Einreise in den Libanon verwehrt.

Drei Tage später stand ich wieder am Frankfurter Flughafen, diesmal am Schalter der libanesischen Fluggesellschaft. In dem Moment überkamen mich Zweifel und auch etwas Angst. Tat ich das Richtige? Würde ich mich unnötig in Gefahr begeben? Was würde passieren, wenn doch jemand herausbekommt, dass ich in Israel war? Noch konnte ich zurück.

Im Flugzeug lerne ich Rebekka kennen, eine Kinderkrankenschwester, die schon in mehreren Einsätzen war. Ich bin froh. So habe ich eine erfahrene Mitstreiterin und eine, die sich mit Kindern sehr gut auskennt, was ich ja von mir nicht sagen kann.

Nach vier kurzen Stunden Flug kommen wir in Beirut an. Ich bin viel zu warm angezogen. Aber ich fühle mich wohl und bin froh, nach nur drei Tagen wieder im Mittleren Osten zu sein, wenn mir auch etwas mulmig ist. Am Zoll werden wir gleich abgefangen. Wir haben zwei Koffer voller Medikamente dabei. Diese müssen wir nun erklären. Irgendwann kommt ein französisch sprechender Beamter vorbei, der uns zum Chef zitiert. Ich nehme beide Koffer und gehe zum Zoll-Chef, der auch Französisch spricht. So bin ich umgeben von vier Libanesen und muss die Koffer öffnen. Ich erkläre wofür die Medikamente verwendet werden, dass wir eine humanitäre Organisation sind, und die Medikamente für unsere Arbeit wichtig. Zum Schluss verabschiedet mich der Beamte mit: „Soyez le bienvenu au Liban.“ Wie schön.

Rebekka und ich werden von unserem brasilianischem Koordinator empfangen. Am folgenden Tag geht es früh nach Zahle, der drittgrößten Stadt des Libanon, ziemlich in der Mitte des Landes, in der Bekaa-Ebene.

Hier leben viele Tausende Flüchtlinge in selbstgebauten Zelten. Gezählt hat sie noch keiner, denn sie sind nicht bei der UNHCR gemeldet. Zum Teil, weil viele Syrer seit Jahren jedes Jahr als Gastarbeiter in den Libanon kamen, zum Teil aus Angst. Die Flüchtlingscamps werden meist von einigen bis über 100 Familien bewohnt. Diese Camps besuchen wir mit einer weiteren deutschen Ärztin und einem Pfleger, sowie einem Koordinator und zwei Übersetzern. Einer der Koordinatoren hat oft im vornhinein Kontakt mit den Führern der Camps aufgenommen, und so wussten sie, wann wir kommen.

Uns wird immer ein Zelt, häufig das des Campführers, als "Behandlungs- zimmer" zur Verfügung gestellt. Viele kommen mit Erkältungen, Lungenerkrankungen, Hauterkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck und Rückenschmerzen, aber auch mit Kriegsverletzungen. Manche kamen auch einfach nur zum Fernsehen :-)


Wir lernen Ali und Saleh, 12 und 10 Jahre alt, kennen. Der Vater bringt sie zu uns, weil sie beide auf dem linken Ohr schlecht hören und Schmerzen haben. Ob wir ihnen nicht helfen könnten, Medikamente geben. Im Patientengespräch erzählen uns die Jungs, dass sie eine Bombenexplosion erlebt haben. Seitdem haben sie die Hörstörung. Wir gucken den Jungs in die Ohren und müssen mit Erschrecken feststellen, dass die Trommelfelle zerstört sind. Wir können nichts machen, außer ihnen dem Rat zu geben, die Ohren vor dem Eindringen von Flüssigkeiten zu schützen. Trommelfelle können manchmal von alleine Heilen, aber eine Entzündung des Innenohres muss verhindert werden.

Wir fragen uns oft, was passiert, wenn der Winter vor der Zelttür steht. Die Zelte sind nicht isoliert, die Flüchtlinge schlafen auf dünnen Matratzen auf dem Boden, Strom gibt es wenn überhaupt nur stundenweise.

Nach einer Woche können unser Koordinator, Rebekka und ich in den Norden des Libanons fahren, da unsere Kontaktperson vor Ort wieder da ist. Hier war die Arbeit etwas anders und auch die Krankheitsbilder.

Im Norden des Libanon leben die Flüchtlinge in oft nur halbfertigen Häusern, wohnen ziemlich verteilt über die Orte und sind häufig nur als Familie da, manchmal sind es auch zwei oder drei Familien. In der Bekaa-Ebene hingegen sind oft Teile einer Dorfgemeinschaft zusammen geflüchtet. So gibt es in den Flüchtlingslagern eine gewisse gewohnte Gemeinschaft. Die Flüchtlinge im Norden kommen oft aus Homs und Aleppo, und sind erst vor kurzem geflüchtet, während in der Bekaa-Ebene die Flüchtlinge eher aus Damaskus kommen und schon eine Weile da sind.
Nach zwei Tagen im Norden sehen wir in einem Schawarma-Imbiss auf dem Fernsehbildschirm die Bilder des Anschlages in Beirut. Zu dem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nichts über Opfer. Am Abend erfahren wir, dass der Sicherheitschef des Libanon einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen ist. Der Cousin unserer Kontaktperson kennt sich im Norden sehr gut aus und ist auch sehr bekannt. Er unterstützt uns am nächsten Morgen in der Entscheidung, zurück nach Beirut zu fahren. Er fährt mit seinem Auto uns voran, zeigt uns einen Schleichweg an Tripoli vorbei. Die Stadt ist bekannt für Auseinandersetzungen zwischen Shiiten und Sunniten. Die Hauptstraße zwischen Tripoli und Beirut ist fast leer. Immer wieder sehen wir die Spuren, die die brennenden Reifen vom Vorabend im Asphalt hinterlassen haben. Kurz vor dem christlichen Ort, wo wir unsere „Basis“ haben, steigen Rauchschwaden den Himmel hoch. Direkt vor KFC (vor ein paar Wochen wurde bei Ausschreitungen gegen den „Mohammed-Film“ in Tripoli KFC niedergebrannt). Hier brennen Reifen, mehr zum Glück nicht.









Das Wochenende verbringen wir im Haus. Im sunnitischen Nachbarort brennen an dem Wochenende öfter Reifen. Der libanesische Koordinator und der Übersetzer vom anderen Team sitzen den ganzen Tag vor dem Fernsehen. Die Situation ist angespannt. Was passiert? Werden sich die Demonstranten wieder beruhigen? Oder werden die Ausschreitungen ausufern und der Krieg in Syrien endgültig in den Libanon übergreifen? Nach einem langen Wochenende von Beobachten und Abwägen entscheiden wir uns, wieder in den Norden zu fahren. Die Situation hat sich etwas entspannt. Dennoch stehen in Tripoli Panzerfahrzeuge an jeder größeren Kreuzung.

Da im Norden die Flüchtlinge über verschiedenen Orten verteilt wohnen, müssen wir oft mit dem Auto von Ort zu Ort fahren. Hier zeigen uns oft die Dorfvorsteher, wo die Flüchtlinge leben. So gehen wir dann mit unserer Medikamentenbox in die Wohnungen der Flüchtlinge.

Oft können sie sich einen Arztbesuch nicht leisten. Von einigen Flüchtlingen erfahren wir, dass sie in Syrien vor dem Krieg ein intaktes und kostenfreies Gesundheitssystem genossen, ihre Kinder keine Schulgebühren zahlen mussten. Im Libanon müssen sie die Ärzte bezahlen, und wenn sie ihre Kinder zu Schule schicken wollen, so müssen sie Schulgebühren zahlen. Manche Flüchtlinge wollen auch gerne eine Zweitmeinung einholen, oder ihre Symptome sind immer noch nicht rückläufig, trotz Arztbesuch und Behandlung. Es kommt immer wieder vor, dass die libanesischen Ärzte die syrischen Flüchtlinge nicht so behandeln wie ihre eigenen Landsleute. Das frustriert und verringert das Vertrauen in die libanesischen Ärzte.

In den Patientengesprächen und Untersuchungen erkennen wir oft, wie gut die Syrer durch ihre eigenen Ärzte medikamentös eingestellt oder operiert wurden. Medikamente in Syrien sind günstig. Manche Flüchtlinge fahren sogar zurück, nur um Medikamente zu kaufen. Im Libanon sind sie um einiges teurer.

Neben den üblichen Erkrankungen, zeigen einige Flüchtlinge psychosomatische Symptome, als Folge des Erlebten. Zum Beispiel Layla. Sie habe einen Druck auf den Ohren und der Brust. Diese Symptome sind im letzten Jahr ohne sichtbaren Grund aufgetreten, und nun, seit sie im Libanon ist, sind diese schlimmer geworden. Ich untersuche sie, finde jedoch keine pathologischen Zeichen. Sie erzählt uns (der Übersetzerin und mir) weiter, dass sie schon seit einigen Wochen schwer ein- oder durchschlafen kann. Sie wirkt müde und erschöpft. Sie hat ihren Sohn im Krieg verloren. Er war ins Kreuzfeuer auf dem Dach ihres Hauses geraten. Der Vater wollte auf das Dach, um den Sohn ins Krankenhaus zu bringen, allerdings war der Weg abgeschnitten. Später konnte er ihn nur noch tot bergen. Wir bitten den Vater zum Gespräch dazu. Er erzählt uns, dass er sich schwere Vorwürfe macht, und ebenso kaum ein- oder durchschlafen kann. Wie Layla wirkt er müde und erschöpft. Layla kommen die Tränen, sie versucht sie zu unterdrücken. Mir kommen auch fast die Tränen. Ich kann sie nur drücken und ihr tröstende Worte schenken.  Welch ein Leid dieses Paar doch mit sich trägt. Ich erkläre, dass seelischer Druck sich körperlich äußern kann, dass ich leider keine Medikamente dabei habe die helfen können (verschreiben kann ich auch keine als deutsche Ärztin im Libanon), aber dass es wichtig sei, zu trauern. Ich überlege, welche schönen und entspannenden Dinge sie unternehmen können. Doch welche schönen Dinge können sie schon als Flüchtlinge tun? Schwimmbad? Entspannungs-Massage? Wellness-Urlaub? Fehlanzeige. Ich kann ihnen nur zu einem Spaziergang in dieser schönen bergigen Gegend jeden Morgen raten.

Nicht nur Erwachsene zeigen solche Symptome. Ein Dorfältester führt uns an einem Tag an eine Zementbank gleich neben der Straße. Zu uns setzen sich Mutter und Tochter. Noor ist zehn Jahre alt. Seit zwei Monaten hat sie Bauchschmerzen, erbricht und hat Durchfall. Ich bitte die Mutter und andere, die das sehr interessant finden, zu gehen, da ich mit der Übersetzerin und Noor allein sein möchte. Ich frage sie, wo sie lieber ist, im Libanon oder in Syrien. „Syrien, zu Hause.“ antwortet sie. Und wieso? „Weil ich dort meine Freunde habe.“ Ich frage sie, was sie in Syrien im Fernsehen gesehen hat? „Viel Schlimmes.“ Und was sie in Echt gesehen hat? „Sie haben meine Nachbar erschossen. Ich war dabei. Sein Blut spritzte überall hin. Auch auf mich. Ich war voll mit Blut.“ Ich musste schlucken. Welch ein Trauma dieses Mädchen erlitten hat. Sie lächelt verlegen die ganze Zeit. Ich frage sie noch, wie sie schläft. „Manchmal wache ich nachts auf, weil ich schlimme Träume habe.“ Wie sie damit umgeht? „Manchmal rede ich mit meiner Mutter, und manchmal weine ich sehr viel.“ Ich bin sprachlos. Ich kann sie einfach nur in den Arm nehmen, und ihr sagen, dass sie hier sicher ist. Und doch weiß ich, dass sie es vielleicht nicht ist. Der Mutter erkläre ich, dass die Symptome ihre Gründe in dem Erlebten haben. Und wieder kann ich nicht mehr machen. Ich komme mir so unbeholfen vor.

Zum Schluss können wir dem Mädchen noch eine Freude machen. Sie hat nur Sandalen an. Hier in den Bergen ist es schon merklich kälter als in Beirut. Und so übergibt mein Koordinator Noor ein Paar gefütterte rosa Stiefel. Seine 9-jährige Tochter hatte diese ihrem Vater gegeben, mit dem Auftrag: „Ich möchte, dass ein Flüchtlingskind diese bekommt. Ich habe noch ein anderes Paar, und ich habe sie nicht so nötig wie vielleicht ein Flüchtlingskind.“ Noor fängt vor Freude an zu weinen. Vom Dorfältesten erfahren wir, wieso wir Noor auf der Bank untersucht haben: die Familie lebt in einem Stall mit Tieren. Sie können sich die Miete in einer Wohnung nicht leisten.

Während ich mit der Übersetzerin die Patienten befrage und behandle, unterhält sich mein Koordinator oft mit den Männern. Hier erzählen sie ihm über den Krieg, über das Erlebte, über ihre Wünsche und Hoffnungen.

Manchmal behandeln wir auch junge Männer mit Schusswunden. Ziemlich am Anfang des Einsatzes fragt mich ein junger Kämpfer, ob ihm nicht die Leber vor zwei Wochen entnommen worden sei. Er wurde damals operiert aufgrund von Schusswunden im unteren Brust/ oberen Bauchbereich. Ich kann ihm versichern, dass weder seine Leber noch die Nieren entnommen wurden. Sonst würde er nicht mehr so gesund vor mir stehen. Er lacht und ist sichtlich erleichtert.

In der letzten Woche meines Einsatzes werden wir durch einen Führer der „Freien Syrischen Armee“ im Libanon in einige Häuser mit syrischen Flüchtlingen geführt. In einem treffe ich ein Geschwisterpaar. Daheim waren ihre Eltern wohlhabend, da sie eine Fabrik für arabische Süßigkeiten besaßen. Nun sind sie Flüchtlinge, wohnen in einer Wohnung mit anderen Flüchtlingen. Aber sie können das Schulgeld für die Tochter aufbringen. Sie und ihr paar Jahre älterer Bruder wurden angeschossen. Beide wurden dabei von Kugeln direkt in ihre linken Oberschenkel getroffen. Noch in Syrien wurden sie operiert und kamen danach in den Libanon. Die Narben sind reizlos, das Gangbild und der Bewegungsumfang in Knie und Hüfte fast regelrecht, die Röntgenbilder zeigen mir zufriedenstellende Ergebnisse. Dennoch, die Narben der Einschüsse bleiben. Und vor allem die in der Seele.

Die vier Wochen im Libanon waren gefüllt: mit Leid und Freud, mit Tränen und Lachen, mit Angst und Hoffnung. Und trotz des Leides, der Tränen und der Angst, ich werde die Zeit vermissen. Ich habe Kinder aus tiefstem Herzen lachen und sich über die einfachsten Dinge freuen sehen, wie ich lange kein Kind mehr in Deutschland erlebt habe. Ich habe mich sehr gefreut, wenn ich sah, wie wir manchmal mit unserer bloßen Anwesenheit den Flüchtlingen etwas von ihrer Menschenwürde zurückgeben konnten. Ich habe mich trotz der manchmal brenzligen Umstände von Gott bewahrt gefühlt.

Ich werde den Libanon vermissen: Trablous (wie Tripoli auf Arabisch heisst), „the city of trouble“, Shawarma, den „Arabischen Döner“, die Berge, die Herzlichkeit der Flüchtlinge, die oft trotz ihrer Armut uns immer einen viel zu süßen Tee oder Kaffee anboten. Ich werde meinen Koordinator mit seiner Familie, meine Kollegen und meine Übersetzer vermissen. Sie haben viel Energie und Einsatz bei diesem Projekt gezeigt. Und das wichtigste: sie haben ein Herz für die Flüchtlinge. Danke. Es war eine Freude mit Euch zu arbeiten.

Es war eine Zeit, die reich an neuen Erfahrungen war und mir wieder neu gezeigt hat, wie gesegnet wir Deutschen sind: mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und Frieden. Teure Güter, die nicht selbstverständlich sind.