Seit zwei Wochen bin ich in einer neuen WG, da ich aus administrativen Gründen aus der alten raus musste. Nun lebe ich mit Shirin (Anfang 30, Mutter von 2 Kindern, aus Bethlehem, Evangelikale, nach einem Master in Erziehungwissenschaften hängt sie noch einen Master in Businessadministration dran), Ghadeer (Ende 20, aus Ramallah, orthodoxe Christin, in den USA geboren, Ingenieurin ("jemand muss doch Palästina aufbauen"), die ebenfalls einen Master in Businessadministration dranhängt) und Amy (zarte 19, aus den USA, Jüdin) zusammen. Shirin´s Bruder ist Herzchirurg in Deutschland und ist ganz begeistert von dem Land.
Heute Abend ist Yoni (Mitte 20, aus New York, iranischer Jude, im gleichen Programm wie Ghadeer und Shirin) zu Gast bei Ghadeer. Wir haben Salat gemacht und trinken dazu einen israelischen Weißwein. Unser Gespräch ist recht heiter, obwohl es um ernste Themen geht: Palästinensische Staatengründung, Vorurteile, die Lage der Palästinenser in anderen arabischen Staaten, Krieg mit dem Iran.
Ghadeer erzählt, dass die Palästinenser ein aufmüpfiges Volk sind, dass sie es nicht leiden können, wenn sie von anderen beherrscht werden. Sie werden als Menschen zweiter oder noch niedrigerer Klasse in den arabischen Staaten behandelt. Im Libanon haben die palästinensischen Flüchtlinge nicht mal einen Ausweis. Wenn sie im Libanon Taxi fährt, dann wird sie gleich gefragt, woher sie kommt, ob sie Muslima oder Christin sei, usw. Aber sie schwärmt auch von der schönen Landschaft: dem türkisblauen Meer und den schneebedekten Bergen. Aber um erst einmal dorthin zu kommen, muss sie nach Amman in Jordanien. Da die Israelis bei Vorlegen ihres US-amerikanischen Passes sofort feststellen würden, dass sie Palästinenserin ist, muss sie ihren palästinensischen Pass vorlegen, was ihr eine schwierigere Grenzüberquerung beschert (was das bedeutet, erläutert sie nicht).
Yoni ist der Meinung, die besten Köpfe in dem Masterstudiengang Business seien die Palästinenser. Ghadeer lacht. Dann erzählt er von einem ultra-orthodoxen Rabi, der auf AlJazeera das Existenzrecht Israels aberkennt. Vor sechs Jahren waren auch einige Juden, die der gleichen Meinung sind, auf der Holocaust-Leugnungs-Konferenz von President Ahmedinejad. Dann erzählt uns Yoni noch von einem Selbstmorattentäter, der im Krankenhaus neben einem seiner israelischen Opfer lag.
Ich erzähle von meinen Erfahrungen vor fünf Jahren im jüdisch orthodoxen Shaare-Tzedek-Krankenhaus in Jerusalem, wo ich auf der Intensivstation sah, wie die Tochter eines Israelis an seinem Bettende stand und aus einem Gebetsbuch las. Einen halben Meter daneben lag eine alte Palästinenserin aus dem Gaza-Streifen, an deren Bettende ein Familienmitglied aus dem Koran las.
Zum Schluss stellen wir fest, dass wir alle drei in den Iran reisen möchten. Wir fragen uns, ob es für Ghadeer besser sei, mit ihrem palästinensischen oder US-amerikanischen Pass zu reisen.
Zum Schluss stellen wir fest, dass wir alle drei in den Iran reisen möchten. Wir fragen uns, ob es für Ghadeer besser sei, mit ihrem palästinensischen oder US-amerikanischen Pass zu reisen.
Vor unserem gemeinsamen Abendbrot waren Ghadeer und ich zu einer Vortragsreihe, in der es um Wissensvermittlung zu verschiedenen Bereichen im Arabisch-Israelischen Konflikt geht. Ghadeer fand den Vortrag sehr ausgewogen. Es ging um die verschiedenen Ansätze der israelischen und der palästinensischen Regierung, um die Friedensverhandlungen, deren Voraussetzungen und Umstände. Der Referent war einige Jahre stellvertretender Sicherheitsberates des israelischen Ministerpräsidenten. Es war spannend, aber würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Ich habe mitgenommen: vor dem Ratschlag und der Richtungsweisung (in diesem ganzen Israelisch-Palästinensischen Schlammasel) kommt das Geschichts-Wissen.
