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Montag, 12. November 2012

vom Leid und Glück

Beim Anflug auf Frankfurt am Donnerstag kullern die Tränen mein Gesicht herunter. Vor Traurigkeit und Glück.

Die letzen vier Wochen bin ich mehr als 200 Familien begegnet, die aus ihrer syrischen Heimat flüchten mussten, und nun im Libanon irgendwie überleben, unter Umständen, die sich viele von uns zum Glück nicht vorstellen müssen.

Aus diesen Lebensumständen kann ich zum Glück zurück nach Deutschland, nach Hause kommen, in ein Land, das seit über 70 Jahren keinen Krieg kennt. Ich habe unverdient das Privileg einen deutschen Pass zu besitzen, damit die deutsche Staatsbürgerschaft und viele Vorteile: Freiheit, Sicherheit, keinen Krieg, immer genügend zu essen, ein warmes Bett und warmes Wasser, eine Krankenversicherung. Und sollte ich das mal alles nicht haben, so springt der deutsche Staat für mich ein.

Von Israel aus habe ich wie Ihr aus Deutschland, die Nachrichten verfolgt. Ich stand zweimal an der Grenze zu Syrien und zum Libanon und fragte mich: was kann ich dazu beitragen, dass das Leid der syrischen Menschen gemindert wird? Was ist meine Verantwortung? Dann erhielt ich zwei Mails mit der dringenden Bitte um Ärzte für einen Einsatz unter syrischen Flüchtlingen im Libanon. Ich zögerte ein paar Tage, dann redete mir eine Freundin aus Tel Aviv noch mal gut zu, und ich meldete mich für den Einsatz.

Am 7. Oktober kam ich aus Tel Aviv in Deutschland an. Ich wusch meine Wäsche, ging sicher, dass keine Spuren von Israel in meinem Gepäck waren, ließ meinen Laptop da und wechselte mein Handy und meinen Pass. Denn mit israelischem Stempel im Pass würde mir die Einreise in den Libanon verwehrt.

Drei Tage später stand ich wieder am Frankfurter Flughafen, diesmal am Schalter der libanesischen Fluggesellschaft. In dem Moment überkamen mich Zweifel und auch etwas Angst. Tat ich das Richtige? Würde ich mich unnötig in Gefahr begeben? Was würde passieren, wenn doch jemand herausbekommt, dass ich in Israel war? Noch konnte ich zurück.

Im Flugzeug lerne ich Rebekka kennen, eine Kinderkrankenschwester, die schon in mehreren Einsätzen war. Ich bin froh. So habe ich eine erfahrene Mitstreiterin und eine, die sich mit Kindern sehr gut auskennt, was ich ja von mir nicht sagen kann.

Nach vier kurzen Stunden Flug kommen wir in Beirut an. Ich bin viel zu warm angezogen. Aber ich fühle mich wohl und bin froh, nach nur drei Tagen wieder im Mittleren Osten zu sein, wenn mir auch etwas mulmig ist. Am Zoll werden wir gleich abgefangen. Wir haben zwei Koffer voller Medikamente dabei. Diese müssen wir nun erklären. Irgendwann kommt ein französisch sprechender Beamter vorbei, der uns zum Chef zitiert. Ich nehme beide Koffer und gehe zum Zoll-Chef, der auch Französisch spricht. So bin ich umgeben von vier Libanesen und muss die Koffer öffnen. Ich erkläre wofür die Medikamente verwendet werden, dass wir eine humanitäre Organisation sind, und die Medikamente für unsere Arbeit wichtig. Zum Schluss verabschiedet mich der Beamte mit: „Soyez le bienvenu au Liban.“ Wie schön.

Rebekka und ich werden von unserem brasilianischem Koordinator empfangen. Am folgenden Tag geht es früh nach Zahle, der drittgrößten Stadt des Libanon, ziemlich in der Mitte des Landes, in der Bekaa-Ebene.

Hier leben viele Tausende Flüchtlinge in selbstgebauten Zelten. Gezählt hat sie noch keiner, denn sie sind nicht bei der UNHCR gemeldet. Zum Teil, weil viele Syrer seit Jahren jedes Jahr als Gastarbeiter in den Libanon kamen, zum Teil aus Angst. Die Flüchtlingscamps werden meist von einigen bis über 100 Familien bewohnt. Diese Camps besuchen wir mit einer weiteren deutschen Ärztin und einem Pfleger, sowie einem Koordinator und zwei Übersetzern. Einer der Koordinatoren hat oft im vornhinein Kontakt mit den Führern der Camps aufgenommen, und so wussten sie, wann wir kommen.

Uns wird immer ein Zelt, häufig das des Campführers, als "Behandlungs- zimmer" zur Verfügung gestellt. Viele kommen mit Erkältungen, Lungenerkrankungen, Hauterkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck und Rückenschmerzen, aber auch mit Kriegsverletzungen. Manche kamen auch einfach nur zum Fernsehen :-)


Wir lernen Ali und Saleh, 12 und 10 Jahre alt, kennen. Der Vater bringt sie zu uns, weil sie beide auf dem linken Ohr schlecht hören und Schmerzen haben. Ob wir ihnen nicht helfen könnten, Medikamente geben. Im Patientengespräch erzählen uns die Jungs, dass sie eine Bombenexplosion erlebt haben. Seitdem haben sie die Hörstörung. Wir gucken den Jungs in die Ohren und müssen mit Erschrecken feststellen, dass die Trommelfelle zerstört sind. Wir können nichts machen, außer ihnen dem Rat zu geben, die Ohren vor dem Eindringen von Flüssigkeiten zu schützen. Trommelfelle können manchmal von alleine Heilen, aber eine Entzündung des Innenohres muss verhindert werden.

Wir fragen uns oft, was passiert, wenn der Winter vor der Zelttür steht. Die Zelte sind nicht isoliert, die Flüchtlinge schlafen auf dünnen Matratzen auf dem Boden, Strom gibt es wenn überhaupt nur stundenweise.

Nach einer Woche können unser Koordinator, Rebekka und ich in den Norden des Libanons fahren, da unsere Kontaktperson vor Ort wieder da ist. Hier war die Arbeit etwas anders und auch die Krankheitsbilder.

Im Norden des Libanon leben die Flüchtlinge in oft nur halbfertigen Häusern, wohnen ziemlich verteilt über die Orte und sind häufig nur als Familie da, manchmal sind es auch zwei oder drei Familien. In der Bekaa-Ebene hingegen sind oft Teile einer Dorfgemeinschaft zusammen geflüchtet. So gibt es in den Flüchtlingslagern eine gewisse gewohnte Gemeinschaft. Die Flüchtlinge im Norden kommen oft aus Homs und Aleppo, und sind erst vor kurzem geflüchtet, während in der Bekaa-Ebene die Flüchtlinge eher aus Damaskus kommen und schon eine Weile da sind.
Nach zwei Tagen im Norden sehen wir in einem Schawarma-Imbiss auf dem Fernsehbildschirm die Bilder des Anschlages in Beirut. Zu dem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nichts über Opfer. Am Abend erfahren wir, dass der Sicherheitschef des Libanon einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen ist. Der Cousin unserer Kontaktperson kennt sich im Norden sehr gut aus und ist auch sehr bekannt. Er unterstützt uns am nächsten Morgen in der Entscheidung, zurück nach Beirut zu fahren. Er fährt mit seinem Auto uns voran, zeigt uns einen Schleichweg an Tripoli vorbei. Die Stadt ist bekannt für Auseinandersetzungen zwischen Shiiten und Sunniten. Die Hauptstraße zwischen Tripoli und Beirut ist fast leer. Immer wieder sehen wir die Spuren, die die brennenden Reifen vom Vorabend im Asphalt hinterlassen haben. Kurz vor dem christlichen Ort, wo wir unsere „Basis“ haben, steigen Rauchschwaden den Himmel hoch. Direkt vor KFC (vor ein paar Wochen wurde bei Ausschreitungen gegen den „Mohammed-Film“ in Tripoli KFC niedergebrannt). Hier brennen Reifen, mehr zum Glück nicht.









Das Wochenende verbringen wir im Haus. Im sunnitischen Nachbarort brennen an dem Wochenende öfter Reifen. Der libanesische Koordinator und der Übersetzer vom anderen Team sitzen den ganzen Tag vor dem Fernsehen. Die Situation ist angespannt. Was passiert? Werden sich die Demonstranten wieder beruhigen? Oder werden die Ausschreitungen ausufern und der Krieg in Syrien endgültig in den Libanon übergreifen? Nach einem langen Wochenende von Beobachten und Abwägen entscheiden wir uns, wieder in den Norden zu fahren. Die Situation hat sich etwas entspannt. Dennoch stehen in Tripoli Panzerfahrzeuge an jeder größeren Kreuzung.

Da im Norden die Flüchtlinge über verschiedenen Orten verteilt wohnen, müssen wir oft mit dem Auto von Ort zu Ort fahren. Hier zeigen uns oft die Dorfvorsteher, wo die Flüchtlinge leben. So gehen wir dann mit unserer Medikamentenbox in die Wohnungen der Flüchtlinge.

Oft können sie sich einen Arztbesuch nicht leisten. Von einigen Flüchtlingen erfahren wir, dass sie in Syrien vor dem Krieg ein intaktes und kostenfreies Gesundheitssystem genossen, ihre Kinder keine Schulgebühren zahlen mussten. Im Libanon müssen sie die Ärzte bezahlen, und wenn sie ihre Kinder zu Schule schicken wollen, so müssen sie Schulgebühren zahlen. Manche Flüchtlinge wollen auch gerne eine Zweitmeinung einholen, oder ihre Symptome sind immer noch nicht rückläufig, trotz Arztbesuch und Behandlung. Es kommt immer wieder vor, dass die libanesischen Ärzte die syrischen Flüchtlinge nicht so behandeln wie ihre eigenen Landsleute. Das frustriert und verringert das Vertrauen in die libanesischen Ärzte.

In den Patientengesprächen und Untersuchungen erkennen wir oft, wie gut die Syrer durch ihre eigenen Ärzte medikamentös eingestellt oder operiert wurden. Medikamente in Syrien sind günstig. Manche Flüchtlinge fahren sogar zurück, nur um Medikamente zu kaufen. Im Libanon sind sie um einiges teurer.

Neben den üblichen Erkrankungen, zeigen einige Flüchtlinge psychosomatische Symptome, als Folge des Erlebten. Zum Beispiel Layla. Sie habe einen Druck auf den Ohren und der Brust. Diese Symptome sind im letzten Jahr ohne sichtbaren Grund aufgetreten, und nun, seit sie im Libanon ist, sind diese schlimmer geworden. Ich untersuche sie, finde jedoch keine pathologischen Zeichen. Sie erzählt uns (der Übersetzerin und mir) weiter, dass sie schon seit einigen Wochen schwer ein- oder durchschlafen kann. Sie wirkt müde und erschöpft. Sie hat ihren Sohn im Krieg verloren. Er war ins Kreuzfeuer auf dem Dach ihres Hauses geraten. Der Vater wollte auf das Dach, um den Sohn ins Krankenhaus zu bringen, allerdings war der Weg abgeschnitten. Später konnte er ihn nur noch tot bergen. Wir bitten den Vater zum Gespräch dazu. Er erzählt uns, dass er sich schwere Vorwürfe macht, und ebenso kaum ein- oder durchschlafen kann. Wie Layla wirkt er müde und erschöpft. Layla kommen die Tränen, sie versucht sie zu unterdrücken. Mir kommen auch fast die Tränen. Ich kann sie nur drücken und ihr tröstende Worte schenken.  Welch ein Leid dieses Paar doch mit sich trägt. Ich erkläre, dass seelischer Druck sich körperlich äußern kann, dass ich leider keine Medikamente dabei habe die helfen können (verschreiben kann ich auch keine als deutsche Ärztin im Libanon), aber dass es wichtig sei, zu trauern. Ich überlege, welche schönen und entspannenden Dinge sie unternehmen können. Doch welche schönen Dinge können sie schon als Flüchtlinge tun? Schwimmbad? Entspannungs-Massage? Wellness-Urlaub? Fehlanzeige. Ich kann ihnen nur zu einem Spaziergang in dieser schönen bergigen Gegend jeden Morgen raten.

Nicht nur Erwachsene zeigen solche Symptome. Ein Dorfältester führt uns an einem Tag an eine Zementbank gleich neben der Straße. Zu uns setzen sich Mutter und Tochter. Noor ist zehn Jahre alt. Seit zwei Monaten hat sie Bauchschmerzen, erbricht und hat Durchfall. Ich bitte die Mutter und andere, die das sehr interessant finden, zu gehen, da ich mit der Übersetzerin und Noor allein sein möchte. Ich frage sie, wo sie lieber ist, im Libanon oder in Syrien. „Syrien, zu Hause.“ antwortet sie. Und wieso? „Weil ich dort meine Freunde habe.“ Ich frage sie, was sie in Syrien im Fernsehen gesehen hat? „Viel Schlimmes.“ Und was sie in Echt gesehen hat? „Sie haben meine Nachbar erschossen. Ich war dabei. Sein Blut spritzte überall hin. Auch auf mich. Ich war voll mit Blut.“ Ich musste schlucken. Welch ein Trauma dieses Mädchen erlitten hat. Sie lächelt verlegen die ganze Zeit. Ich frage sie noch, wie sie schläft. „Manchmal wache ich nachts auf, weil ich schlimme Träume habe.“ Wie sie damit umgeht? „Manchmal rede ich mit meiner Mutter, und manchmal weine ich sehr viel.“ Ich bin sprachlos. Ich kann sie einfach nur in den Arm nehmen, und ihr sagen, dass sie hier sicher ist. Und doch weiß ich, dass sie es vielleicht nicht ist. Der Mutter erkläre ich, dass die Symptome ihre Gründe in dem Erlebten haben. Und wieder kann ich nicht mehr machen. Ich komme mir so unbeholfen vor.

Zum Schluss können wir dem Mädchen noch eine Freude machen. Sie hat nur Sandalen an. Hier in den Bergen ist es schon merklich kälter als in Beirut. Und so übergibt mein Koordinator Noor ein Paar gefütterte rosa Stiefel. Seine 9-jährige Tochter hatte diese ihrem Vater gegeben, mit dem Auftrag: „Ich möchte, dass ein Flüchtlingskind diese bekommt. Ich habe noch ein anderes Paar, und ich habe sie nicht so nötig wie vielleicht ein Flüchtlingskind.“ Noor fängt vor Freude an zu weinen. Vom Dorfältesten erfahren wir, wieso wir Noor auf der Bank untersucht haben: die Familie lebt in einem Stall mit Tieren. Sie können sich die Miete in einer Wohnung nicht leisten.

Während ich mit der Übersetzerin die Patienten befrage und behandle, unterhält sich mein Koordinator oft mit den Männern. Hier erzählen sie ihm über den Krieg, über das Erlebte, über ihre Wünsche und Hoffnungen.

Manchmal behandeln wir auch junge Männer mit Schusswunden. Ziemlich am Anfang des Einsatzes fragt mich ein junger Kämpfer, ob ihm nicht die Leber vor zwei Wochen entnommen worden sei. Er wurde damals operiert aufgrund von Schusswunden im unteren Brust/ oberen Bauchbereich. Ich kann ihm versichern, dass weder seine Leber noch die Nieren entnommen wurden. Sonst würde er nicht mehr so gesund vor mir stehen. Er lacht und ist sichtlich erleichtert.

In der letzten Woche meines Einsatzes werden wir durch einen Führer der „Freien Syrischen Armee“ im Libanon in einige Häuser mit syrischen Flüchtlingen geführt. In einem treffe ich ein Geschwisterpaar. Daheim waren ihre Eltern wohlhabend, da sie eine Fabrik für arabische Süßigkeiten besaßen. Nun sind sie Flüchtlinge, wohnen in einer Wohnung mit anderen Flüchtlingen. Aber sie können das Schulgeld für die Tochter aufbringen. Sie und ihr paar Jahre älterer Bruder wurden angeschossen. Beide wurden dabei von Kugeln direkt in ihre linken Oberschenkel getroffen. Noch in Syrien wurden sie operiert und kamen danach in den Libanon. Die Narben sind reizlos, das Gangbild und der Bewegungsumfang in Knie und Hüfte fast regelrecht, die Röntgenbilder zeigen mir zufriedenstellende Ergebnisse. Dennoch, die Narben der Einschüsse bleiben. Und vor allem die in der Seele.

Die vier Wochen im Libanon waren gefüllt: mit Leid und Freud, mit Tränen und Lachen, mit Angst und Hoffnung. Und trotz des Leides, der Tränen und der Angst, ich werde die Zeit vermissen. Ich habe Kinder aus tiefstem Herzen lachen und sich über die einfachsten Dinge freuen sehen, wie ich lange kein Kind mehr in Deutschland erlebt habe. Ich habe mich sehr gefreut, wenn ich sah, wie wir manchmal mit unserer bloßen Anwesenheit den Flüchtlingen etwas von ihrer Menschenwürde zurückgeben konnten. Ich habe mich trotz der manchmal brenzligen Umstände von Gott bewahrt gefühlt.

Ich werde den Libanon vermissen: Trablous (wie Tripoli auf Arabisch heisst), „the city of trouble“, Shawarma, den „Arabischen Döner“, die Berge, die Herzlichkeit der Flüchtlinge, die oft trotz ihrer Armut uns immer einen viel zu süßen Tee oder Kaffee anboten. Ich werde meinen Koordinator mit seiner Familie, meine Kollegen und meine Übersetzer vermissen. Sie haben viel Energie und Einsatz bei diesem Projekt gezeigt. Und das wichtigste: sie haben ein Herz für die Flüchtlinge. Danke. Es war eine Freude mit Euch zu arbeiten.

Es war eine Zeit, die reich an neuen Erfahrungen war und mir wieder neu gezeigt hat, wie gesegnet wir Deutschen sind: mit Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und Frieden. Teure Güter, die nicht selbstverständlich sind.

Freitag, 28. September 2012

Freiheit zur Verantwortung

Die Rede von Guido Westerwelle vor der UN:


Guido Westerwelles Rede als PDF-Datei

Rede vor der UN von Mahmoud Abbas und Benjamin Netanjahu


Mahmoud Abbas Rede als PDF-Datei 


Benjamin Netanjahus Rede als Zusammenfassung

Dienstag, 19. Juni 2012

das ehemalige Pharaonenreich wird zum Sicherheitsrisiko für Israel

Vor drei Tagen löste das ägyptische Verfassungsgericht das Parlament auf, weil 1/3 der Kandidaten gar nicht hätten antreten dürfen, woraufhin das Militär wieder die Macht an sich riss, gestern feierten die Muslimbrüder den inoffiziellen Sieg ihres Präsidentschaftskandidaten, am gleichen Tag wurde ein israelischer Arbeiter an der Grenze zwischen Ägypten und Gaza-Streifen Opfer eines Bombenattentates, es folgten Feuergefechte zwischen Israelis und den Attentätern. Die israelische Armee rückte näher an die Grenze, mit Panzern. Gleichzeitig beschoss sie Stellungen der Hamas im Gazastreifen, da Israel vermutet, dass die Hamas oder eine ägyptische Terrororganisation, die mit der Hamas zusammenarbeitet, den Anschlag verübt hat. Daraufhin beschoss heute die Hamas den Süden Israels mit Raketen.

Das trübt meine fröhliche EM-Laune. 

Im sog. 6-Tage-Krieg von 1967 besetzte Israel die Sinai-Halbinsel. Israel entschloss sich zu einem Präventivschlag gegen die arabischen Armeen, nachdem diese einen Krieg gegen Israel geplant hatten, um das Land für die Palästinenser zu befreien. Es war ein herber Schlag für die angrenzenden Staaten, als Israel nach nur sechs Tagen als Sieger hervor ging, sowie die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland und die Golanhöhen besetzt hatte. 1979 kam es zum Friedensschluss zwischen Anwar AlSadat und Menachem Begin. Ein Präzedenzfall in der Arabischen Welt. 15 Jahre später folgte Jordanien. 

Israel zog sich im Zuge des Friedensvertrages von der Sinai-Halbinsel zurück, die heute in verschiedene Zonen unterteilt ist und von einer multinationalen Truppe und Beobachtern "besetzt" wird. Ihre Aufgabe ist es, die Situation zu beobachten und den Frieden zu wahren. Aktiv können sie selten werden. Sie werden manchmal selbst zu "Opfern" von Streits zwischen Klans oder Angriffen von Terrororganisationen, wie die AQSP (Al Qaida on the Sinai Peninsula). Schon heute ist die Regierung in Kairo nicht Herr der Lage auf der Sinai-Halbinsel. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Öl- und Gas-Pipelines, zu Gefechten oder Anschlägen, auch in Israel, so wie letztes Jahr auf einen Bus etwas nördlich vom Roten Meer. Und somit wird der südwestliche Nachbar Israels zum Sicherheitsrisiko. Umso verständlicher auch Israels Bau eines Sicherheitszaunes entlang der Grenze zu Ägypten, um Terrorgruppen von dem Eindringen nach Israel abzuhalten.

Die Äusserungen der Muslimbrüder, die ja auch die Sieger in den ägyptischen Parlamentswahlen waren, sind unterschiedlich. Mal wollen sie den Friedensvertrag mit Israel nicht antasten, mal wollen sie ihn auflösen. 

War es wirklich eine gute Idee im Frühjahr letzten Jahres Mubarak zum Rücktritt zu zwingen? Das Volk lebt in einer völligen Ungewissheit, im Chaos. Wer gewinnt am Ende den Machtkampf? Der Militärrat oder die Muslimbrüder? Wer ist das kleinere Übel?

Inzwischen drängen die USA den Militärrat, der erst zur Macht kam, weil Mubarak auf Drängen des Westens zurück trat, den Demokratisierungsprozess nicht zu bremsen. Die Muslimbrüder rufen zum Protest gegen den Militärrat auf, gegen seine Machtansprüche. Es bleibt spannend.

Inspiriert durch die aktuellen Geschehnisse und den Beitrag von Richard C. Schneider auf dem Blog des Bayrischen Rundfunks.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Sicherheitskonferenz - Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert

Dr. Emily Landau, meine Dozentin im Seminar "Nukleare Proliferation und Abrüstung", hat unser Seminar zu der jährlichen Sicherheitskonferenz des INSS (Institut für Nationale Sicherheitsforschung) angemeldet. Das dominierende Thema war natürlich Irans Absicht atomare Macht zu werden. Aber auch das Verhältnis mit den Palästinensern und die Gesamtsituation im Mittleren Osten wurden diskutiert.

An zwei Tagen haben führende Politiker wie Premierminister Benjamin Netanjahu und der Verteidigungsminister Ehud Barak, der ehemalige Mossadchef Meir Dagan, Botschafter und führende Wissenschaftler ihre Beobachtungen und Aussichten erläutert und argumentiert.

Hier ein Zusammenfassung dessen was gesagt und diskutiert wurde.

Premierminister Benjamin Netanjahu:


Ehud Barak (Verteidigungsminister) - leider war ich nur zum Schluss da
  • wir (die israelische Regierung) haben schon zuviel geredet, was den Iran betrifft
  • es scheint, als ob wir nur noch über eine Sache (das Bestreben des Iran nuklear zu werden) nachdenken, aber wir haben auch andere Dinge auf dem Schirm
  • unsere Uhren ticken schneller als andere
  • die USA stehen hinter uns, das ist sehr deutlich in Obamas Politik
  • der Iran möchte die Hegemonialmacht im Mittereln Osten werden

Hier das Video mit dem vollständigen Vortrag:


Dr. Yehuda Ben Meir (Wissenschaftler beim INSS) hat eine Umfrage unter der jüdischen Bevölkerung Israels (also keine Arabischen Israelis, keine Ausländer) im Frühjahr diesen Jahres zu verschiedenen Themen durchgeführt
  • Arabisch-Israelischer Konflikt
    • würden sie in einem Referendum für einen Friedensvertrag mit den Palästinensern stimmen?
      • 51% ja
      • 27% nein
      • 22% unentschlossen
    • Israel als den Judenstaat anerkennen, kein Rückkehrrecht für die "palästinensischen Flüchtlinge"
      • 46% ja
      • 34% nein
      • 20% unentschlossen
    • sollte Israel der Etablierung eines palästinensischen Staates unterstützen (die Frage um Jerusalem und der "palästinensischen Flüchtlingen" ausgeschlossen)?
      • 59% ja
  • was ist ihre Schlussfolgerung aus dem "Arabischen Frühling"?
    • 52% sind überzeugt, dass die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien erhalten bleiben
    • 75% unterstützen weiterhin den Friedensprozess
  • was denken sie was in Ägypten passieren wird?
    • 72% sind der Auffassung, Ägypten wird den Friedensvertrag mit Israel wahren
    • 26% sind der Auffassung, Ägypten wird den Friedensvertrag mit Israel auflösen
  • wie soll Israel gegenüber der Gefahr die vom Iran ausgeht, nuklear zu werden, entgegenkommen?
    • 52% sind für einen militärischen Angriff
    • 48% dagegen
  • wie wird der Iran agieren, wenn er nuklear wird?
    • nur 18% glauben, dass der Iran Israel mit nuklearen Waffen angreifen und zerstören wird
Hier das Video mit dem vollständigen Vortrag:


Dr. Mark Heller (Wissenschaftler beim INSS) über die Auswirkungen des "Arabischen Frühlings" auf Israel
  • der Arabische Frühling wurde überdiskutiert
  • die Entwicklungen in jedem Land sind unterschiedlich und daher ist eine Generalisierung nicht möglich
  • drei Dinge, die wir über den "Arabischen Frühling" sagen können
    • Stimme des Volkes wurde gehört
    • die neuen Technologien haben es für die Bevölkerung vereinfacht sich zu organisieren
    • Angst ist geringer geworden, sich gegen das Regime aufzulehnen (Regime arbeiten oft mit Angst und Einschüchterung)
  • die Zukunft ist schwer vorauszusehen
  • Regime müssen nicht unbedingt zusammenbrechen, sie werden auch (zumindest mit Unterstützung) von aussen gestürzt
    • Gaddafi wurde nicht durch das Volk gestürzt, sondern durch die NATO
    • wir werden noch sehen, was in Bahrain passieren wird, wo das Regime noch von Saudi-Arabien gestützt wird
  • die Alternativen zu autoritären Regime werden nicht unbedingt besser sein  
  • sobald das politische Parket eröffnet ist, gibt es auch Raum für radikale Kräfte, es kann zu einem Zusammenstoßen der verschiedenen Kräften kommen, was zu einem "gescheiterten Staat" führen kann
  • was sind die Folgen für Israel?
    • größte Gefahr: neue radikal islamische Regierungen
      • sie glauben an die Nicht-Existenz eines jüdischen Staates
      • aufgrund des Glaubens bevorzugen sie eine offene Konfrontation
    • zweite Gefahr
      • Schwächung der Regierungen: Freiheit der Regierungen gegen terroristische Organisationen vorzugehen verringert sich
    • ein Sturz des syrischen Regimes kann zur Schwächung des Iran führen
  • Zusammenfassung
    • die Region ist anders aber nicht neu
    • der Arabische Frühling bringt keine Unsicherheit in den Mittleren Osten, die Region war schon immer unsicherer, nun ist sie aber unsicherer geworden
    • was soll Israel tun?
      • wir müssen anerkennen, dass wir nicht der entscheidende Faktor sind, oder viel machen können, oder die Richtung bestimmen können
      • wir müssen anerkennen, dass wir nicht paralysiert sind, aber dass wir einen Einfluss haben können
      • daher: wir drängen Euch (die israelische Regierung) dazu mit politischen Kräften Kontakt aufzunehmen, wir können sie vielleicht nicht beeinflussen, aber kommunizieren, wir können auch humanitäre Hilfe leisten, moderate Aktion nehmen, die den Friedensprozess mit den Palästinensern zu nehmen, und wenn wir den Konflikt nicht lösen können, dann sollen wir wenigstens unilaterale Aktionen durchführen, ihr solltet auf die Möglichkeit achte, dass es Spannungen zwischen der Türkei und dem Iran gibt, wir sollten den Türken Kompensationen zahlen, uns entschuldigen (wegen den Vorfällen im Zuge der Gaza-Flotilla vor 2 Jahren), wir sollten Jordanien wirtschaftlich unterstützen, Investitionen im Sinai betätigen, um die Sicherheit zu erhöhen, um eine Zusammenarbeit mit Ägypten zu ermöglichen, egal welches Regime dort regieren wird

Hier das Video mit dem vollständigen Vortrag:


John Negroponte (ehem. US-Botschafter und Direktor aller US-amerikanischen Geheimdienste)
  • schon 2005 haben die USA gewarnt, dass der Iran bestrebt ist nuklear zu werden, mit der Erwartung dass er dies zwischen 2010 und 2015 sein wird, d.h. dass er in dem Zeitraum eine Atombombe gebaut haben wird
  • die USA hat oft einen Regimewechsel unterstützt und im Nachhinein haben wir gemerkt, dass dies eine falsche Entscheidung war
  • wie trifft man Entscheidungen zwischen einem kleineren und einem größeren Übel zu wählen?
  • der Arabische Frühling
    • Ägypten: die Richtung die Ägypten einnehmen wird, wird die entscheidenste sein, wird Ägypten in die Richtung in ein Regime wie der Iran gehen? wenn Ägypten in die Richtung gehen wird, dann wird es gravierende Folgen habe
    • Syrien: es gibt immer mehr Stimmen die sagen, dass es eine internationale Intervention geben, nachdem immer mehr humanitäre Folgen sichtbar werden, die USA ist zurückhaltend, aufgrund der Komplexität der Situation
    • Zusammenfassung: die Stabilisierung und Unterstützung Ägyptens ist das entscheidenste, aber auch im Iran und in Syrien, die Prozesse werden Zeit in Anspruch nehmen und müssen strategisch berechnet werden

Hier das Video mit dem vollständigen Vortrag:



Aus Versehen habe ich meine Notizen endgültig gelöscht. Daher die Videobeiträge von den Vortragenden, die ich sehr informativ fand.

Amos Yadlin (Direktor des INSS, ehemaliger Pilot, der 1981 an der Operation Opera teilnahm, die Zerstörung eines irakischen Nuklearreaktor)



Gabi Ashkenazi (ehem. israelischer Generalstabschef)



Meir Dagan (ehem. Direktor des Mossad)



Moshe Yaalon (stellv. Premierminister, Minister für strategische Angelegenheiten)

Sonntag, 15. April 2012

Wer wird wen angreifen, wieso und wann?


Die vielen Mutmaßungen, heißen Diskussionen und Zukunftszenarien in den letzten Wochen und Monaten haben einen Aufwind erlebt: durch das "Gedicht" von Günter Grass, die ewigen Diskussionen, die genauso unwichtig und überflüssig sind wie das "Gedicht" an sich, und nun durch erneute Verhandlungen, bzw. Gespräche der P5+1 (die fünf permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrates und Deutschland) und dem Iran.

Seit der islamischen Revolution im Iran 1979, die die Monarchie zu Fall brachte, ist das Land eine Republik, mit einem (mehr oder minder) demokratisch gewählten Präsidenten und Parlament. Das Staatsoberhaupt und damit der einflussreichste Mann in der iranischen Politik ist zur Zeit Ayatollah Chamenei. Diese Regierung sieht sich als eine Vertretung des wahren Regierenden, des Mahdi, der im Verborgenen ist und am Ende der Zeit wiederkommt. Der Iran war in seiner 43-jährigen Geschichte einmal in einen offenen Krieg verwickelt. Begonnen hatte ihn der Irak, aufgrund von territorialen Streitigkeiten beider Länder. Am Ende gewann keines der beiden Länder. Eine Million Menschen kamen ums Leben. Seit dem Irakkrieg 2003 (seitdem der Iran berechtigterweise fürchtet als nächstes nach Afghanistan und dem Irak von den USA angegriffen zu werden) ist das politische Gleichgewicht am Persischen Golf aus dem Gleichgewicht geraten. Der Irak zerfällt immer mehr in drei Teile: den kurdischen im Norden, den sunnitischen in der Mitte und dem shiitischen im Süden. Afghanistan und die Atommacht Pakistan sind zwei an den Iran angrenzende gescheiterte Staaten, in denen der Iran und die USA um eine Vormachtsstellung buhlen. Saudi Arabien, ein "Freund" der USA, ist ein schwacher Staat, der von einer Monarchie regiert wird, die wiederum auf den Klerus angewiesen ist. Mit Pakistan hat Saudi Arabien schon längst eine atomare Zusammenarbeit. Die kleinen Golfstaaten haben zu wenig Gewicht. Syrien, der einzige staatliche Verbündete des Iran im Mittleren Osten, versinkt im kriegerischen Chaos (ein komplexes Thema für sich). Die Türkei distanziert sich von Syrien. Damit wird die Türkei in gewisser Hinsicht ein Gegner Irans. In der Rolle der regionalen Vormachststellung sind die beiden Staaten Rivalen. Gleichzeitig ist die Schutzmacht USA dem Iran berechtigterweise ein Dorn im Auge. Würde er die USA aus dem Mittleren Osten vertreiben können (angefangen mit Bahrain), so könnte er den Ölmarkt regieren. Und so lange wir kräftig weiter Öl konsumieren, wäre das ein noch lukrativeres Geschäft als es schon ist.

Wie sieht es im Iran aus? Eine Einschätzung der Lage in und von Iran aus gesehen durch Professor Litvak, Iran-Experte und einer meiner geschätzten Professoren. Ruhig auf 3:10 vorspuhlen.

Inside Iran w/ Prof. Meir Litvak from MediaCentral on Vimeo.
 
Iran hat den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und verpflichtet sich damit, keine Atomwaffen zu bauen. Die Atombombe wäre ein Schutz vor Angriffen auf das Regime und damit vor seinem möglichen Sturz. Die USA und Israel drohen mit einem konventionellen Militärschlag auf die Atomanlagen, wenn der Iran nicht sein Atomwaffenprogram aufgibt. Im Falle eines atomaren Angriffes auf Israel wären die sunnitischen Palästinenser und andere Araber ein hinnehmbarer Kollateralschaden. Der Riss im Mittleren Osten ist mittlerweile ein interreligiöser, zwischen Sunniten und Shiiten.

Israel war in seiner 64-jährigen Geschichte in sieben offene Kriege verwickelt. Der erste gleich zu seiner Staatsgründung. Immer wieder wird das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt. Erst 1979 kam es zum Friedensvertrag mit Ägypten, und 1994 mit Jordanien. Der Iran droht mit der Auslöschung Israels. Israel wurde nicht explizit genannt, aber im Zusammenhang der Reden von Mahmud Ahmedinejad ist dies klar. Israel fürchtet um seine Existenz. Der Iran redet nicht nur, er agiert auch; durch Handlanger wie die Hamas und die Hisbollah. Raketenangriffe aus dem Gazastreifen (u.a. von der Hamas, die mit dem Islamischen Dschihad um die Vormacht im Gazastreifen streitet) gehören im Süden Israels zum Alltag. Seit den 60er Jahren wird vermutet, das Israel die Atombombe hat. In jedem der bisherigen Kriege hat es nicht-atomare Waffen verwendet. Auch in dem verdeckten Krieg gegen den Iran. Israel ist kein Mitglied des Atomwaffensperrvertrages und hat somit keinerlei Verpflichtungen sein Atomprogramm der IAEA gegenüber offen zu legen. Die Rede über den Besitz der Atombombe ist eine Abschreckung vor einem Angriff auf Israel.

Seit mindestens 10 Jahren mahnt Israel die Welt, das der Iran dabei ist, eine Atombombe zu bauen. Der Westen ging darauf ein und suchte den diplomatischen Weg, mit fraglichem Erfolg. Die wirtschaftlichen Sanktionen der letzten Monate hat jedoch spürbare Folgen für die iranische Bevölkerung. Bis heute versucht der Iran geschickt sich der IAEA zu entziehen. Ähnliches kennen wir aus der Geschichte des Irak, der am Ende doch keine Atombombe besaß.

Für eine Atombombe sind drei Komponenten eine Voraussetzung:
In den Medien liest man v.a. von den Atomanlagen in Fordo, Isfahan und Natanz. Eine "smoking gun" (ein schlagender Beweis) für die Aspiration Irans eine Atombombe zu bauen ist Fordo: hier stehen 3 000 Zentrifugen (für den zivilen Gebrauch sind mindestens 10 000 Zentrifugen nötig), die das Natururan (0,7%-ig) auf 20%-ig angereichertes Uran zentrifugieren. Der Sprung zum 90%-ig hochangereicherten, atomwaffenfähigen Uran ist nicht mehr weit. Für den zivilen Gebrauch wird etwa nur 5%-ig angereichertes Uran gebraucht.

Diplomatie, Sanktionen und militärische Drohungen schliessen sich nicht aus. Doch die "Weltgemeinschaft" (bis auf ein paar Länder, die es nicht interessiert oder gerade mit sich selbst beschäftigt sind) und v.a. Europa bevorzugte diese drei Aspekte nacheinander auf den Tisch zu bringen, statt gleichzeitig. Und die Weltgemeinschaft war keine geeinte Front. Eine deutliche rote Linie wurde dem Iran nicht aufgezeichnet. Bis auf die USA und Israel möchte sich keiner (auch nicht die ängstlichen arabischen Nachbarn, die übrigens ganz still sind zur Zeit, was das Thema Iran betrifft) in einen militärischen Konflikt, bzw. die Zerstörung der Atomanlagen im Iran, verwickeln. 

Die Stimmung in Israel? Das Thema "militärischer Schlag gegen die Atomanlagen im Iran" ist ein offenes. Seit Monaten wird heftig diskutiert. Gegenstimmen gibt es genügend, u.a. sehr aktiv pazifistische. Sogar die israelische Regierung ist sich nicht einig. Bei einer Unterstützung durch die USA wäre die Mehrheit der Israelis allerdings für einen Präventivschlag. Das "Gedicht" hat ebenfalls gemischte Gefühle hervorgerufen.

Und die Stimmung in Deutschland? Die kennt Ihr selbst besser. Es wurde schon zu viel überflüssiges und dummes gesagt.

Von der Ferne sah ich mir die Sendung von Maybrit Illner vom 14.04.2012 (mit Peter Scholl-Latour, Avi Primor, Michel Friedman, Siba Shakib und Franziska Augstein, sowie einem iranisch-israelisches Paar) an. Dabei fragte ich mich, was die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung für diese Gesprächsrunde qualifiziert, ausser ihre Naivität über die Lage im Mittleren Osten.

Ein Vortrag von Ende Februar diesen Jahres von Brandon Friedman, Dozent am Insitut für Iranische Studien der Uni Tel Aviv, zu Hintergründen und Fakten der diplomatischen Verhandlungen mit dem Iran, sowie Konsequenzen.

Nun wurden in Istanbul neue Gespräche zwischen den P5+1 und dem Iran nach 15-monatiger Pause aufgenommen. Der Westen zeigte sich vor den Gesprächen optimistisch, fordert u.a. die Schliessung der Atomanlage Fordo, der Iran zeigt sich vor den Gesprächen einerseits zu Konzessionen bereit, andererseits auch nicht

Was kommt als nächstes? Bis Mai können wir wahrscheinlich durchatmen. Ob die Verhandlungen im Irak jedoch erfolgreich sein werden ist m.E. nach höchst zweifelhaft: die Interessen beider Verhandlungsseiten schliessen sich aus. Für den Iran wird es schwierig sein, sich von seiner momentanen Position vollständig zu entfernen, damit würde er sein Gesicht verlieren.

Im Falle eines Militärschlages wird eine Entfesselung der Gewalt und eine Inbrandsetzung des Mittleren Osten befürchtet. Er ist schon im Brand. Und das aufgrund von despotischen Regimes (die auch wir durch unseren Ölkonsum und Tourismus unterstützen), die ihre Völker brutal nieder(ge)schlagen (haben). Die Reaktion war der sog. "Arabische Frühling". Dennoch, von Demokratien wie wir sie im Westen erhoffen sind die Länder weit entfernt.

Prof. Asher Susser, ein hervoragender Historiker und einer meiner Professoren (er selbst bezeichnet sich als ein Linker, der den Zionismus unterstützt, aber mit kleinem Z) über die Situation im Mittleren Osten:



Die Anfangs gestellten Fragen sind nicht beantwortet. Sie sind auch nicht zu beantworten. Viele Faktoren beinflussen die Beantwortung, u.a. Angst, Frustration und Macht. Verständlich sind beide Seiten: Angst um die Existenz schürt das Streben nach Macht, auch durch eine Atombombe, zumindest als Abschreckung.

Am Ende des Tages geht es um Macht (und Öl). Jeder Staat strebt danach, u.a. um den unersättlichen Energiekonsum der entwickelten Welt zu sättigen. Wir als Konsumenten sind nicht machtlos, auch nicht gegenüber der Öllobby. Stellen wir uns z.B. vor, wir satteln auf´s Fahrrad um, "tapezieren" unser Dächer mit Solaranlagen, lassen mal öfter die Heizung aus, schalten "Stand-By-Geräte" richtig ab und boykottieren Artikel "Made in China"...