Beim Anflug auf Frankfurt am Donnerstag kullern die Tränen mein Gesicht herunter. Vor Traurigkeit und Glück.
Die letzen vier Wochen bin ich mehr als 200 Familien begegnet, die aus ihrer syrischen Heimat flüchten mussten, und nun im Libanon irgendwie überleben, unter Umständen, die sich viele von uns zum Glück nicht vorstellen müssen.
Aus diesen Lebensumständen kann ich zum Glück zurück nach Deutschland, nach Hause kommen, in ein Land, das seit über 70 Jahren keinen Krieg kennt. Ich habe unverdient das Privileg einen deutschen Pass zu besitzen, damit die deutsche Staatsbürgerschaft und viele Vorteile: Freiheit, Sicherheit, keinen Krieg, immer genügend zu essen, ein
warmes Bett und warmes Wasser, eine Krankenversicherung. Und sollte ich das mal
alles nicht haben, so springt der deutsche Staat für mich ein.
Von Israel aus habe ich wie Ihr
aus Deutschland, die Nachrichten verfolgt. Ich stand zweimal an der Grenze zu
Syrien und zum Libanon und fragte mich: was kann ich dazu beitragen, dass das
Leid der syrischen Menschen gemindert wird? Was ist meine Verantwortung? Dann
erhielt ich zwei Mails mit der dringenden Bitte um Ärzte für einen Einsatz
unter syrischen Flüchtlingen im Libanon. Ich zögerte ein paar Tage, dann redete
mir eine Freundin aus Tel Aviv noch mal gut zu, und ich meldete mich für den
Einsatz.
Am 7. Oktober kam ich aus Tel Aviv
in Deutschland an. Ich wusch meine Wäsche, ging sicher, dass keine Spuren von Israel
in meinem Gepäck waren, ließ meinen Laptop da und wechselte mein Handy und
meinen Pass. Denn mit israelischem Stempel im Pass würde mir die Einreise in
den Libanon verwehrt.
Drei Tage später stand ich wieder
am Frankfurter Flughafen, diesmal am Schalter der libanesischen
Fluggesellschaft. In dem Moment überkamen mich Zweifel und auch etwas Angst.
Tat ich das Richtige? Würde ich mich unnötig in Gefahr begeben? Was würde
passieren, wenn doch jemand herausbekommt, dass ich in Israel war? Noch konnte
ich zurück.
Im Flugzeug lerne ich Rebekka
kennen, eine Kinderkrankenschwester, die schon in mehreren Einsätzen war. Ich
bin froh. So habe ich eine erfahrene Mitstreiterin und eine, die sich mit
Kindern sehr gut auskennt, was ich ja von mir nicht sagen kann.
Nach vier kurzen Stunden Flug
kommen wir in Beirut an. Ich bin viel zu warm angezogen. Aber ich fühle mich
wohl und bin froh, nach nur drei Tagen wieder im Mittleren Osten zu sein, wenn
mir auch etwas mulmig ist. Am Zoll werden wir gleich abgefangen. Wir haben zwei
Koffer voller Medikamente dabei. Diese müssen wir nun erklären. Irgendwann
kommt ein französisch sprechender Beamter vorbei, der uns zum Chef zitiert. Ich
nehme beide Koffer und gehe zum Zoll-Chef, der auch Französisch spricht. So bin
ich umgeben von vier Libanesen und muss die Koffer öffnen. Ich erkläre wofür
die Medikamente verwendet werden, dass wir eine humanitäre Organisation sind,
und die Medikamente für unsere Arbeit wichtig. Zum Schluss verabschiedet mich
der Beamte mit: „Soyez le bienvenu au Liban.“ Wie schön.
Rebekka und ich werden von unserem brasilianischem Koordinator empfangen. Am folgenden Tag geht es früh
nach Zahle, der drittgrößten Stadt des Libanon, ziemlich in der Mitte des
Landes, in der Bekaa-Ebene.
Wir lernen Ali und Saleh, 12 und 10 Jahre alt, kennen. Der Vater bringt sie zu uns, weil sie beide auf dem linken Ohr schlecht hören und Schmerzen haben. Ob wir ihnen nicht helfen könnten, Medikamente geben. Im Patientengespräch erzählen uns die Jungs, dass sie eine Bombenexplosion erlebt haben. Seitdem haben sie die Hörstörung. Wir gucken den Jungs in die Ohren und müssen mit Erschrecken feststellen, dass die Trommelfelle zerstört sind. Wir können nichts machen, außer ihnen dem Rat zu geben, die Ohren vor dem Eindringen von Flüssigkeiten zu schützen. Trommelfelle können manchmal von alleine Heilen, aber eine Entzündung des Innenohres muss verhindert werden.
Nach einer Woche können unser Koordinator,
Rebekka und ich in den Norden des Libanons fahren, da unsere Kontaktperson vor
Ort wieder da ist. Hier war die Arbeit etwas anders und auch die
Krankheitsbilder.
Im Norden des Libanon leben die
Flüchtlinge in oft nur halbfertigen Häusern, wohnen ziemlich verteilt über die
Orte und sind häufig nur als Familie da, manchmal sind es auch zwei oder drei
Familien. In der Bekaa-Ebene hingegen sind oft Teile einer Dorfgemeinschaft
zusammen geflüchtet. So gibt es in den Flüchtlingslagern eine gewisse gewohnte
Gemeinschaft. Die Flüchtlinge im Norden kommen oft aus Homs und Aleppo, und
sind erst vor kurzem geflüchtet, während in der Bekaa-Ebene die Flüchtlinge
eher aus Damaskus kommen und schon eine Weile da sind.
Nach zwei Tagen im Norden
sehen wir in einem Schawarma-Imbiss auf dem Fernsehbildschirm die Bilder des
Anschlages in Beirut. Zu dem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nichts über
Opfer. Am Abend erfahren wir, dass der Sicherheitschef des Libanon einem
Bombenanschlag zum Opfer gefallen ist. Der Cousin unserer Kontaktperson kennt
sich im Norden sehr gut aus und ist auch sehr bekannt. Er unterstützt uns am
nächsten Morgen in der Entscheidung, zurück nach Beirut zu fahren. Er fährt mit
seinem Auto uns voran, zeigt uns einen Schleichweg an Tripoli vorbei. Die Stadt
ist bekannt für Auseinandersetzungen zwischen Shiiten und Sunniten. Die
Hauptstraße zwischen Tripoli und Beirut ist fast leer. Immer wieder sehen wir
die Spuren, die die brennenden Reifen vom Vorabend im Asphalt hinterlassen
haben. Kurz vor dem christlichen Ort, wo wir unsere „Basis“ haben, steigen
Rauchschwaden den Himmel hoch. Direkt vor KFC (vor ein paar Wochen wurde bei Ausschreitungen
gegen den „Mohammed-Film“ in Tripoli KFC niedergebrannt). Hier brennen Reifen,
mehr zum Glück nicht.
Das Wochenende verbringen wir im Haus. Im sunnitischen Nachbarort brennen an dem Wochenende öfter Reifen. Der libanesische Koordinator und der Übersetzer vom anderen Team sitzen den ganzen Tag vor dem Fernsehen. Die Situation ist angespannt. Was passiert? Werden sich die Demonstranten wieder beruhigen? Oder werden die Ausschreitungen ausufern und der Krieg in Syrien endgültig in den Libanon übergreifen? Nach einem langen Wochenende von Beobachten und Abwägen entscheiden wir uns, wieder in den Norden zu fahren. Die Situation hat sich etwas entspannt. Dennoch stehen in Tripoli Panzerfahrzeuge an jeder größeren Kreuzung.
Da im Norden die
Flüchtlinge über verschiedenen Orten verteilt wohnen, müssen wir oft mit dem
Auto von Ort zu Ort fahren. Hier zeigen uns oft die Dorfvorsteher, wo die
Flüchtlinge leben. So gehen wir dann mit unserer Medikamentenbox in die
Wohnungen der Flüchtlinge.
Oft können sie sich einen
Arztbesuch nicht leisten. Von einigen Flüchtlingen erfahren wir, dass sie in
Syrien vor dem Krieg ein intaktes und kostenfreies Gesundheitssystem genossen,
ihre Kinder keine Schulgebühren zahlen mussten. Im Libanon müssen sie die Ärzte
bezahlen, und wenn sie ihre Kinder zu Schule schicken wollen, so müssen sie
Schulgebühren zahlen. Manche Flüchtlinge wollen auch gerne eine Zweitmeinung
einholen, oder ihre Symptome sind immer noch nicht rückläufig, trotz Arztbesuch
und Behandlung. Es kommt immer wieder vor, dass die libanesischen Ärzte die
syrischen Flüchtlinge nicht so behandeln wie ihre eigenen Landsleute. Das
frustriert und verringert das Vertrauen in die libanesischen Ärzte.
In den Patientengesprächen
und Untersuchungen erkennen wir oft, wie gut die Syrer durch ihre eigenen Ärzte
medikamentös eingestellt oder operiert wurden. Medikamente in Syrien sind
günstig. Manche Flüchtlinge fahren sogar zurück, nur um Medikamente zu kaufen.
Im Libanon sind sie um einiges teurer.
Neben den üblichen
Erkrankungen, zeigen einige Flüchtlinge psychosomatische Symptome,
als Folge des Erlebten. Zum Beispiel Layla. Sie habe einen Druck auf den Ohren
und der Brust. Diese Symptome sind im letzten Jahr ohne sichtbaren Grund
aufgetreten, und nun, seit sie im Libanon ist, sind diese schlimmer geworden.
Ich untersuche sie, finde jedoch keine pathologischen Zeichen. Sie erzählt uns
(der Übersetzerin und mir) weiter, dass sie schon seit einigen Wochen schwer
ein- oder durchschlafen kann. Sie wirkt müde und erschöpft. Sie hat ihren Sohn
im Krieg verloren. Er war ins Kreuzfeuer auf dem Dach ihres Hauses geraten. Der
Vater wollte auf das Dach, um den Sohn ins Krankenhaus zu bringen, allerdings
war der Weg abgeschnitten. Später konnte er ihn nur noch tot bergen. Wir bitten
den Vater zum Gespräch dazu. Er erzählt uns, dass er sich schwere Vorwürfe
macht, und ebenso kaum ein- oder durchschlafen kann. Wie Layla wirkt er müde
und erschöpft. Layla kommen die Tränen, sie versucht sie zu unterdrücken. Mir
kommen auch fast die Tränen. Ich kann sie nur drücken und ihr tröstende Worte schenken.
Welch ein Leid dieses Paar doch
mit sich trägt. Ich erkläre, dass seelischer Druck sich körperlich äußern kann,
dass ich leider keine Medikamente dabei habe die helfen können (verschreiben
kann ich auch keine als deutsche Ärztin im Libanon), aber dass es wichtig sei,
zu trauern. Ich überlege, welche schönen und entspannenden Dinge sie
unternehmen können. Doch welche schönen Dinge können sie schon als Flüchtlinge
tun? Schwimmbad? Entspannungs-Massage? Wellness-Urlaub? Fehlanzeige. Ich kann
ihnen nur zu einem Spaziergang in dieser schönen bergigen Gegend jeden Morgen
raten.
Nicht nur Erwachsene zeigen solche Symptome. Ein Dorfältester führt uns an einem Tag an eine Zementbank gleich neben der Straße. Zu uns setzen sich Mutter und Tochter. Noor ist zehn Jahre alt. Seit zwei Monaten hat sie Bauchschmerzen, erbricht und hat Durchfall. Ich bitte die Mutter und andere, die das sehr interessant finden, zu gehen, da ich mit der Übersetzerin und Noor allein sein möchte. Ich frage sie, wo sie lieber ist, im Libanon oder in Syrien. „Syrien, zu Hause.“ antwortet sie. Und wieso? „Weil ich dort meine Freunde habe.“ Ich frage sie, was sie in Syrien im Fernsehen gesehen hat? „Viel Schlimmes.“ Und was sie in Echt gesehen hat? „Sie haben meine Nachbar erschossen. Ich war dabei. Sein Blut spritzte überall hin. Auch auf mich. Ich war voll mit Blut.“ Ich musste schlucken. Welch ein Trauma dieses Mädchen erlitten hat. Sie lächelt verlegen die ganze Zeit. Ich frage sie noch, wie sie schläft. „Manchmal wache ich nachts auf, weil ich schlimme Träume habe.“ Wie sie damit umgeht? „Manchmal rede ich mit meiner Mutter, und manchmal weine ich sehr viel.“ Ich bin sprachlos. Ich kann sie einfach nur in den Arm nehmen, und ihr sagen, dass sie hier sicher ist. Und doch weiß ich, dass sie es vielleicht nicht ist. Der Mutter erkläre ich, dass die Symptome ihre Gründe in dem Erlebten haben. Und wieder kann ich nicht mehr machen. Ich komme mir so unbeholfen vor.
Während ich mit der
Übersetzerin die Patienten befrage und behandle, unterhält sich mein Koordinator oft mit
den Männern. Hier erzählen sie ihm über den Krieg, über das Erlebte, über ihre
Wünsche und Hoffnungen.
Manchmal behandeln wir auch
junge Männer mit Schusswunden. Ziemlich am Anfang des Einsatzes fragt mich ein
junger Kämpfer, ob ihm nicht die Leber vor zwei Wochen entnommen worden sei. Er
wurde damals operiert aufgrund von Schusswunden im unteren Brust/ oberen
Bauchbereich. Ich kann ihm versichern, dass weder seine Leber noch die Nieren
entnommen wurden. Sonst würde er nicht mehr so gesund vor mir stehen. Er lacht
und ist sichtlich erleichtert.
In der letzten Woche meines
Einsatzes werden wir durch einen Führer der „Freien Syrischen Armee“ im Libanon
in einige Häuser mit syrischen Flüchtlingen geführt. In einem treffe ich ein
Geschwisterpaar. Daheim waren ihre Eltern wohlhabend, da sie eine Fabrik für
arabische Süßigkeiten besaßen. Nun sind sie Flüchtlinge, wohnen in einer
Wohnung mit anderen Flüchtlingen. Aber sie können das Schulgeld für die Tochter
aufbringen. Sie und ihr paar Jahre älterer Bruder wurden angeschossen. Beide
wurden dabei von Kugeln direkt in ihre linken Oberschenkel getroffen. Noch in
Syrien wurden sie operiert und kamen danach in den Libanon. Die Narben sind
reizlos, das Gangbild und der Bewegungsumfang in Knie und Hüfte fast regelrecht, die Röntgenbilder zeigen mir zufriedenstellende Ergebnisse. Dennoch,
die Narben der Einschüsse bleiben. Und vor allem die in der Seele.
Die vier Wochen im Libanon
waren gefüllt: mit Leid und Freud, mit Tränen und Lachen, mit Angst und
Hoffnung. Und trotz des Leides, der Tränen und der Angst, ich werde die Zeit
vermissen. Ich habe Kinder aus tiefstem Herzen lachen und sich über die
einfachsten Dinge freuen sehen, wie ich lange kein Kind mehr in Deutschland
erlebt habe. Ich habe mich sehr gefreut, wenn ich sah, wie wir manchmal mit
unserer bloßen Anwesenheit den Flüchtlingen etwas von ihrer Menschenwürde
zurückgeben konnten. Ich habe mich trotz der manchmal brenzligen Umstände
von Gott bewahrt gefühlt.
Ich werde den Libanon
vermissen: Trablous (wie Tripoli auf Arabisch heisst), „the city of trouble“,
Shawarma, den „Arabischen Döner“, die Berge, die Herzlichkeit der Flüchtlinge,
die oft trotz ihrer Armut uns immer einen viel zu süßen Tee oder Kaffee
anboten. Ich werde meinen Koordinator mit seiner Familie, meine Kollegen und meine Übersetzer vermissen. Sie haben viel Energie und Einsatz bei diesem Projekt gezeigt. Und das wichtigste: sie haben ein Herz für die Flüchtlinge. Danke. Es war eine Freude mit Euch zu arbeiten.
