Freitag, 23. Dezember 2016

internationale Weihnachten, weit weg von Zuhause

Was bedeutet Dir Weihnachten? Wie geht es Dir gerade mit der Weihnachtszeit, in Anbetracht der vielen traurigen und grausamen Nachrichten und Ereignissen in dieser Welt? Hat uns Gott verlassen?
In der Wüste und weit weg von allem Vertrauten, von Familie und Freunden, in einer Stadt, in der es keine Kirche gibt in die man in den Weihnachtsgottesdienst gehen kann, bei Temperaturen, die eher an einen deutschen Hochsommer erinnern, wird mir so manches wieder bewusst und ich beginne, Dinge wieder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
So auch heute, der Tag, an dem wir in kleiner Runde Weihnachten gefeiert haben.
(zum Schutz habe ich manches geändert bzw. verallgemeinert)
Vor vier Wochen haben sich das schwedisch-australische Ehepaar, Emma und Benjamin, das mit mir Arabisch lernt, das erste Mal zum Bibellesen und Singen getroffen. Eine Woche später war eine Asiatin dazu gekommen. Emma hatte Nellie im Fitnesstudio getroffen und sie eingeladen. Vorgestern bin ich auf dem Weg zum Müllcontainer zwei afrikanischen jungen Frauen begegnet, habe sie freundlich begrüsst. Benjamin hat sie auch gesehen und gleich für heute eingeladen. Es stellte sich heraus, Ruth und Deborah kommen aus zwei ostafrikanischen Ländern. 
Nach gemeinsamen Singen reden wir ein wenig miteinander, erzählen von dem, was uns die Woche belastet hat, was uns Freude bereitet hat, und beten für- und miteinander. Gespannt höre ich den jungen Frauen zu.
Nellie hat drei Kinder in ihrem Heimatland und ist geschieden. Seit ca. 6 Wochen arbeitet sie nun hier als Trainerin in einem Fitnesstudio nur für Frauen, um ihre Kinder daheim zu untertützen, die derweil bei ihrer Großmutter leben. Sie muss sechs Tage die Woche arbeiten.
Ruth lebt seit einem reichlichen Jahr hier und arbeitet als Hausmädchen bei einer hiesigen Familie. Sie ist alleinstehend und hat eine 3-jährige Tochter, die bei ihrer Familie in ihrem Heimatland aufwächst. Hier muss Ruth morgens um 5 Uhr aufstehen, Kochen, putzen, die Kinder erziehen, die sie drangsalieren, und Wäsche waschen. Abends um 10 fällt sie dann müde ins Bett. Laut Vertrag hat sie ein Tag in der Woche frei, aber das hängt von der Laune der "Herren" ab. Ihr Smartphone hat ein ganzes Monatsgehalt gekostet. Selten hat sie die Möglichkeit daheim anzurufen, da es erstens sehr teuer ist, Skype hier nicht funktioniert, und ihre Familie daheim immer wieder jemanden fragen muss, ob sie ihr Handy haben können, um ein Telefonat von Ruth zu erhalten. Seit über einem Jahr war sie nicht mehr in einer Kirche. Vor etwa einem halben Jahr hat sie dann Deborah kennengelernt. Sie waren beide total glücklich, "jemanden mit der gleichen Hautfarbe getroffen" zu haben. So haben sie es uns selber erzählt :-)
Deborah hat zwei Kinder daheim, die bei ihrem Mann leben. Er findet als Informatiker in ihrem Land keine Arbeit. Sie selber hat ein abgeschlossenes Studium, und hat auch keine Arbeit in ihrem Land gefunden. Ihre 3-jährige Tochter hat ein "Loch im Herzen", und sie weiss nicht, ob sie in Zukunft operiert werden muss, oder ob sich das Loch von alleine verschliesst. Immer wieder wird die Tochter zum Arzt gebracht, zur Kontrolle. Sie macht sich große Sorgen.
Deborah und Ruth arbeiten sozusagen in der gleichen Familie, ihre Chefinnen sind Schwestern. Sie haben die gleichen Erfahrungen in ihren Familien. Später erfahre ich, dass sie nur 200 Euro im Monat bekommen. Das ist ein Stundenlohn von ca. 80 Cent. Wenn sie krank sind, arbeiten sie weiter. Es ist auch schon vorgekommen, dass sie Medikamente gegen Erkältung bekommen haben, und eigentlich waren es Antiallergika. Seitdem reden sie nicht mehr darüber, wenn es ihnen schlecht geht. Arztbesuche und Medikamente müssen sie selber zahlen. Leider haben sie keine schützenden Gesetze, auf die sie sich berufen können.
Während sie so über ihre Situation erzählen, merke ich, wie sie immer wieder ihre Tränen zurückhalten müssen, und verlegen lachen. ABER: sie wissen sich in Gottes Hand, kommen immer wieder zurück zu Ihm im Gebet. Auch geben sie sich gegenseitig Halt. Ich bin tief beeindruckt, welche Kraft sie haben, wie sie die Schmach und die Erniedrigungen erdulden, und trotzdem fröhlich im Glauben sind.
Wir singen noch einige Lieder zusammen. Unter anderem eines meiner Lieblingslieder.

Dieses Lied berührt mich. Warum? Es ist schwer in Worte zu fassen. Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf. Die Frequenz der schlechten Nachrichten und damit der menschlichen Grausamkeit  scheint immer höher bzw. größer zu werden. Diese Welt scheint vor dem Untergang zu stehen. Diese Welt sehnt sich nach Frieden. Ist es wirklich so? Sehnt sie sich nach Frieden? Oder doch eher nach Erlösung? Ich sehne mich nach Erlösung dieser Welt. Nach Erlösung von dem Hass, von dem Grauen, von dem Bösen. 
In diese Welt kam Gott vor 2000 Jahren, als Kind in der Krippe, weit weg von Prunk, Reichtum und Sicherheit, in einem Stall, in Armut und Ungewissheit in diese Welt. Der große Gott wurde ganz klein. Er wollte und will kein irdisches Reich aufbauen, Er will eine Beziehung zu jedem von uns. Er sehnt sich nach dieser Beziehung. In dieser Beziehung gibt es Aufs und Abs. Ich darf in dieser Beziehung Gott mein Leid klagen, aber auch die Gewissheit haben, Er hat diese Welt in Seiner Hand. Ja, ich sehe das heute weniger als vor ein paar Jahren, wenn ich mir die Geschehnisse in der Welt ansehe. Und trotzdem bin ich gewiss, Er hat diese Welt nicht vergessen. Und auch nicht verlassen. Er ist mit uns, wenn wir Ihn lassen.

Emma und ich haben ein Weihnachtsessen bereitet. Ich kann mir vorstellen, dass das für Euch weit davon entfernt ist. Es gab Lamm, asiatisches Hühnchen, italienischen Salat (eigentlich hatte ich gestern da noch Feta aus Saudi-Arabien beigefügt, der sich heute früh dann völlig verflüssigt hatte), Kartoffeln (oh, wie ich Kartoffeln liebe!!! nach vier Wochen fast ausschliesslich Reis), Gemüse. Zum Nachtisch gab es Schokopudding mit Obstsalat :-) Die beiden Hausmädchen waren völlig aus dem Häuschen. Schon lange hatte ihnen keiner mehr gekocht, und sie haben auch den ständigen Reis satt. Ja, Cola gab es auch. Ich trank sie mit Genuss, was ich sonst nicht von mir sagen kann. Aber es war mal was anderes :-) Die weihnachtlichen Servietten hatte Emma noch bei IKEA in Abu Dhabi besorgt.

Während des Essens unterhalten wir uns über afrikanische Diktaturen, über gut gebildete Menschen aus Asien und Afrika, die im Westen versuchen sich manchmal als Taxifahrer oder Putzfrau ein neues und besseres Leben aufzubauen, über afrikanische Antennenfrisuren, die ich als Kind haben wollte, und mir nichts sehnlicher wünschte, als krauses Haar zu haben, damit ich diese Frisuren haben kann, über den Geschmack von Krokodil-, Schlangen- und Kamelfleisch. Immer wieder werden wir nachdenklich, aber wir lachen auch viel. Es tut den beiden Hausmädchen und der Zumba-Lehrerin sichtlich gut. Einfach mal ein bisschen Normalität zu haben.
Es sind ganz andere Weihnachten als bisher, aber ich fühle mich total wohl und reich beschenkt. Wir sind sieben Fremde (inzwischen hatte sich noch eine Amerikanerin dazu gesellt) weit weg von daheim. Jeder von uns hat eine andere Nationalität, von allen fünf Kontinenten. Jeder von uns hat einen völlig anderen Hintergrund und ein völlig anderes Leben hier. Und doch kommen wir zusammen und feiern auf unsere Art. Emma hat für uns alle Geschenke gemacht. Ich fühle mich aber schon beschenkt, in einer so bunten Gesellschaft Weihnachten feiern zu können.

Samstag, 17. Dezember 2016

Nachrichten und Weihnachten

So langsam merke ich, der Alltag wird auch für mich zum Alltag, und ich sehe nicht mehr so viel neues, wie zu Anfang. Ausserdem hatten wir dieses Wochenende keinen Ausflug, was auch mal gut war, von dem ich berichten kann.
Die Sprachschule macht immer mehr Freude, zumal mir das Reden immer leichter fällt. Wurde auch mal Zeit :-) Gleich Anfang der Woche hatten wir hier einen Feiertag, es war der Geburtstag des islamischen Propheten Mohammed. Den Nachmittag nutzten wir zum Plätzchenbacken und weihnachtlichem Basteln.
Irgendwie gelingt es mir heute nicht, was schönes zu schreiben. Die Nachrichten der letzten Woche waren überschattet von der Lage in Aleppo. Ich hatte manchmal den Eindruck, als ob keine andere Stadt mehr auf dieser Welt existiert. Was ist der Grund, dass die Medien auf einmal so ein starkes Interesse für Aleppo haben? Und wie kommt es, dass der Westen sich so gerne als gut, und Rusland und den Iran als soooo böse darstellt? Ist es nicht der Westen, der den IS stark gemacht hat, und damit auch die Kämpfe ins Undendliche gezogen hat bzw. zieht? Der den weiteren Machterhalt durch Assad gleich von Anfang an ausgeschlagen hat (á la "Assad muss gehen")? Und damit jegliche Möglichkeiten verbaut hat?
Aber darum geht es mir gar nicht, sondern eher darum, mit welcher Dysbalance Nachrichten uns serviert werden. Wer hat schon von den anstehenden Wahlen in der DR Kongo gehört? In zwei Tagen läuft die Regierungszeit des jetzigen Präsidenten ab. Seit knapp 16 Jahren regiert Joseph Kabila das Land im Herzen Afrikas, das so groß ist wie Westeuropa, und in dem seit ca. 25 Jahren fast ununterbrochen Krieg herrscht, v.a. im Osten des Landes, wo viele der Bodenschätze liegen. Während dieser Zeit sind über 6.000.000 Menschen ermordet und geschlachtet worden, ohne viel Aufsehen seitens der Weltengemeinschaft. Sind ja nur Afrikaner. Ausserdem ist das Chaos ganz gut, damit weiterhin die Bodenschätze abgebaut werden können, die uns in unserem Wohlstand weiter gut leben lassen.
Trotz der 16 Jahre Regierungszeit und des Aublaufen seiner Regierungszeit in zwei Tagen, möchte Kabila nicht abtreten, und hat Wahlen mal für 2017, mal für 2018 ausgerufen. Es drohen Unruhen, die das Land in ein noch tieferes Chaos zu stürzen drohen. Bisher hält Kabila an seiner Macht fest und lässt Aufstände blutig niederschlagen. Der weitere Machterhalt sichert das weiter Ausplündern des Kongos und damit den Wohlstand seiner Familie. So blutet eines der ärmsten Länder der Welt weiter aus.
Ein guter kongolesischer Freund, Vater von fünf Kindern, der seit 9 Monaten schon kein Gehalt mehr bekommen hat, schrieb mir vor zwei Tagen völlig verzweifelt, dass er große Angst vor dem 19. Dezember hat, da die Stimmung im Land sehr angespannt sei. Er wisse nicht, wohin er fliehen solle, wenn es zu Unruhen kommt, zu den es aller Wahrscheinlichkeit nach kommt.
Und nun? Was können wir machen, um die Lage im Kongo zu verbessern? Wir können weiter konsumieren, wie wir es bisher getan haben, und somit den Raubbau im Kongo weiter untestützen, oder wir können unser Konsumverhalten ändern und dieses Weihnachten Produkte kaufen, die diesen Raubbau zumindest minimieren. Z.B. Smartphones und Tablets, deren Komponenten entweder recycled sind oder aus zertifizierten Minen im Kongo abgebaut werden, und somit zu einer etwas gerechteren Welt beitragen. Eine niederländische Firma und eine deutsche Firma garantieren das. Es mag jetzt etwas rechthaberisch daher kommen. Aber WIR SIND DAS VOLK, und wir können Veränderung herbeiführen, wenn es am Anfang auch nur eine kleine ist.
Wer mehr über den Kongo lesen möchte, kann dies entweder auf meinem Blog unter dem Label Afrika oder unter Kongo-Kinshasa tun
Da nächste Woche Weihnachten ist, und ich die Woche drauf unterwegs sein werde, gibt es erst im Neuen Jahr wieder einen Blog, also so um den 7. Januar. Und da werde ich von meiner Reise erzählen :-)
Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Beschluss (des Jahres, so wünschen es sich die Franken gegenseitig, und ich finde es einen guten Wunsch), Eure Hanna

Samstag, 10. Dezember 2016

Wüste Rimal Al Wahiba und Wadi Bani Khaled

Gleich nach der Schule gab es noch Mittagessen auf die Hand, also Falafel und Shawarmas, und dann ging es los. 3 Stunden sind wir Richtung Osten, also Richtung Küste gefahren, in die Nähe der Ausläufer des Hadjar Gebirges, in die Wüste Rimal Al Wahiba. Hier haben wir in einem Wüstencamp mit festen Hütten unser Quartier aufgeschlagen. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass die Wüste fast grün war. Es war ein interessantes Farbenspiel, der rote Wüstensand und die vielen kleinen hellgrünen Sträucher. Zwischendurch sah man Tier- und Insektenspuren. Der Besitzer des Wüstencamps fuhr uns in einer recht wilden Fahrweise in seinem 4-Wheel-Drive eine Dühne hoch. Von dort beobachteten wir gespannt und erstaunt den Sonnenuntergang. Den Rückweg haben wir dann doch lieber zu Fuß zurück gelegt. Unser blinder Mitstreiter ging auch ganz entspannt die steile Dühne runter, ohne jedwede Hilfe und ohne zu stolpern. Er bot sich uns als Führer im Dunkeln an :-)
Nach dem Abendessen haben wir noch mit der Familie (also Samira und Sultan, die das Sprach-Institut leiten, und ihren vier Kindern) Dobble gespielt. Das Ziel des Spieles ist immer einen gleichen Gegenstand auf der obersten Karte des eigenen Stapels und der Karte in der Tischmitte zu finden, dann schnell die eigene Karte in die Tischmitte werfen und sagen, welcher Gegenstand der gleiche ist. Die Gegenstände wurden auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Spanisch genannt. Wer eine der Sprachen nicht kannte, war etwas verdutzt :-) manchmal wurde auch einfach auf den Gegenstand gezeigt, weil einem der Name des Gegenstandes nicht einfiel :-)
Ich übernachtete vor der Hütte unter freiem Himmel. In der Nacht wachte ich zweimal auf und genoss den tollen Sternenhimmel. Am nächsten Morgen sind dann drei von uns gegen 5:30 auf die höchste Dühne im Umfeld, um uns dann auf den Sonnenaufgang eine Stunde später zu freuen :-) Wir wurden von dem Wüstencampbesitzer abgeholt, der wieder seine Fahrkünste auf den Dühnen uns vorführen musste. Manchmal wurde mir etwas mulmig.


Nach dem Frühstück sind wir dann weiter Richtung Osten, rein in das Hadjar-Gebirge, wo das Wadi Bani Khaled, eines der schönsten Wadis des Omans, liegt. Wir waren recht früh dran und konnten so den Ort genießen. Wir, die wir schwimmen gehen wollten, haben uns sittlich angezogen. Das hieß für mich über den Bikini noch ein 3/4 Shirt und eine 3/4 Legging. Einerseits kam ich mir albern vor, andererseits auch geschützt vor den Blicken und der Sonne. Zunächst ließ ich die Fische die abgestorbenen Hautschuppen an meinen Füßen abkanbbern, dann schwomm ich ein bisschen und erkundete noch ein wenig das Wadi-Innere.
Nach dem Mittagsbüffet gingen wir dann wieder Richtung Bus. Es war gut, dass wir früher da waren. Nun kamen viele Gäste (Omanis, Inder, Pakistaner, Bengalis, und ein paar weiße Touris). Auf den vier Stunden Rückfahrt habe ich einfach nur den Blick auf das Hadjar-Gebirge genossen.
Euch nun viel Freude beim Bilder gucken.

Und in einer Woche steht der neue Blogpost wieder bereit.

Samstag, 3. Dezember 2016

Paucken und Erkunden

Letzten Sonntag (hier beginnt die Woche am Sonntag) haben wir alle voller Spannung auf unser Prüfungsergebnis und damit der Einstufung unserer Arabischkenntnisse gewartet. Erwartungsgemäß war ich in der niedrigsten von drei Stufen. Das heisst Grundkenntnisse sind da, man kann sozusagen mit seinem Arabisch "überleben", kann also seine Grundbedürfnisse und Wünsche äussern :-) Immerhin, besser, als ich dachte. 
In meiner Klasse sind eine 77-jährige Amerikanerin (die anscheinend Sprachenlernen liebt), eine Schwedin (die im arabisch-persischen Golf öfter gelebt hat und sich ganz gut mit Arabisch durchschlägt), eine Französin (deren Vater Marokkaner ist), und ein 19-jähriger Omani (dessen Großeltern aus dem Oman nach Zanzibar geflohen sind, und dessen Eltern dann in die Niederlande sind, der aber kein Arabisch gelernt hat, da es seinen Großeltern damals verboten war in Tansania Arabisch zu sprechen, und der nun hier seine Wurzeln sucht, kulturell wie religiös). Unsere Lehrerin ist eine 27-jährige zierliche Omanin, die voller Geduld und Liebe uns Arabisch beibringt. Sie ist sehr klug. Sie hat in den Emiraten studiert. Das dürfen nur die klügeren Omanis machen. Ausserdem lebt sie, recht ungewöhnlich für eine junge Frau, in einer eigenen Wohnung. Normalerweise sind die jungen Frauen in dem Alter schon lange verheiratet und haben Kinder, oder leben bei den Eltern.
In den ersten beiden Stunden am Kurstag haben wir immer Grammatik, die uns die Lehrerin auf Arabisch erklärt. Wenn wir es beim dritten Mal erklären nicht verstehen, dann erklärt sie es uns auf Englisch. Und manchmal, wenn es einer verstanden hat, dann kann dieser einem anderen Schüler auf Arabisch erklären, was er verstanden hat. Bei neuen Vokablen hat sich diese Art als Standard herauskristalisiert, und ich finde das ganz gut. Denn als Kinder hat uns auch keiner ein Wort übersetzt, wir haben es einfach aus dem Zusammenhang verstanden. In der dritten Stunden geht es primär um das Reden, bzw. das Erlernen von neuen Vokabeln. Die Stunde hält ein anscheinend recht gläubiger Omani. Am ersten Tag sollten wir den Familienstambaum von Mohammed auswendig lernen, und am Tag drauf dann seine Kurz-Biographie. Puh, dachte ich, aber so schlecht ist Auswendiglernen manchmal gar nicht :-) Die letzten zwei Stunden geht es um verschiedene Bereiche, wie z.B. bekommen wir kurze Nachrichtenmeldungen, auf einfachem Arabisch, in denen wir manche Wörter nicht kennen, und müssen dann jeder einen Nachrichtenabschnitt den anderen Schülern erklären. Also, insgesamt steht das Reden im Mittelpunkt. Und das ist es ja auch, wofür wir eine Sprache brauchen, um mit anderen Menschen kommunizieren können.
Die ersten drei Tage des Kurses dachte ich immer wieder daran zu fragen, ob ich nicht Einzelunterricht in einer niedrigeren Stufe bekommen könnte, da ich im Kurs, der zu 95% auf Arabisch gehalten wird, nichts verstand, und den Eindruck hatte, die anderen sind viel besser. Ausserdem konnte ich so gut wie keinen gescheiten Satz formulieren, also sprechen. Das kommt daher, dass ich bisher kaum Arabisch-Sprechen gelernt, geschweigedenn geübt habe. Am dritten Tag ist dann zum Glück der Knoten geplatzt. Nun macht es mir richtig Spaß. Und ich traue mich immer mehr zu reden. Am Donnerstag hatten wir dann einen kleinen Test, um zu gucken, wie gut das Gelernte sitzt.

Nach der "Schule" bekommen wir immer ein Mittagessen, meistens eine Variante Reis, Hühnchen und Salat :-) Nichtsdesto trotz, bisher schmeckt es mir :-)













Sonntag und Mittwoch-Nachmittag kommt meine Sprachparnerin Nuuf. Wir treffen uns für eine Stunde, um miteinander über verschiedene Dinge zu reden, was uns einfällt. Bei mir hält sich das Ausmaß der Erzählung aufgrund des begrenzten Vokabulars in Grenzen. Nuuf ist Mitte 20, verheiratet, hat aber noch keine Kinder. Ihr Mann arbeitet zwei Wochen in der Wüste, eine Woche ist er daheim. Sie lebt daher immer wieder bei ihrer Familie. Seit zwei Jahren hat sie die Uni beendet. Sie hat vor zwei Jahren ihr Rechnungswesen-Studium abgeschlossen, hat aber bis jetzt noch keine Arbeit. Erst die Woche habe ich gelesen, dass im Oman ein Studienabgänger im Schnitt 3,5 Jahre auf eine Stelle wartet.

Am späten Montag-Nachmittag sind wir durch den altern bereits verlassenen Teil der Stadt auf den Hausberg von Ibri geklettert. Von dort hatte man eine gute Sicht auf die Stadt und die nähere Umgebung, leider weniger auf die Ferne. Der Sonnenuntergang war einfach schön.

Und überhaupt, ich bin total glücklich über den vielen Sonnenschein hier, und bin froh, dass ich den dunklen Wintertagen entkommen bin. Dafür erinnert hier rein gar nichts an Advent. Nur zwei Adventskalender von zwei lieben Freundinnen, sowie die Deko, die eine meiner Mitbewohnerinnen von ihren Eltern aus den USA geschickt bekommen hat.

Zum Abendessen haben wir bei der Familie unseres Busfahrer Mahmud gegessen. Natürlich waren die Frauen und die Männer getrennt :-) Leider habe ich keine Bilder von den Frauen. Insgesamt sind die Omanis eher scheu, und Frauen möchten oft nicht photographiert werden.
Im Frauenraum war ein großer Teppich ausgerollt, in einer Ecke standen zwei Fernseher, und in eine Wand war ein Regal gelassen, in dem neben ein paar wenigen Habseligkeiten auch ein Koran stand. Über der Eingangstür hängt der Sultan und eine Kaligraphie mit dem Namen von Mohammed.










Zu uns gesellten sich die Mutter des Hauses, eine kleine Frau mit schon tiefen Falten und Händen, die schon viel arbeit gesehen haben. Sie hatte ein buntes Kleid an, und drunter eine Hose mit Stickereien am etwa 15cm breiten Hosenbund. Einige von uns unterhielten sich mit ihr. Irgendwann zog sie sich etwas zurück, rollte einen Gebetsteppich aus, und betete gen Mekka. Später kamen noch die zweite Ehefrau von Mahmud und einige Mädchen dazu. Unter ihnen auch eine junge Frau mit Down-Syndrom. Beim Betrachten des Geschehens dachte ich mir, hier passiert Inklusion ganz ungezwungen (mir ist aber auch klar, dass Menschen mit anderen Behinderungen auch oft in Krankenhäuser abgeschoben werden, so wie ich es als Schülerin in den Emiraten erlebt habe).
Als Vorspeise gab es Rührkuchen (etwas luftiger als bei uns) mit Kokosraspeln, eine Art Donuts in Bällchen-Form, und eine Art kleine Käse-Rollen (also so ähnlich wie Frühlingsrollen, nur mit Käse gefüllt).














Dann gab es Obst. Ich habe gleich nach dem Granatapfel gegriffen. Es ist zwar etwas mühsam, den auf dem Boden, ohne Teller oder Schüssel und Löffel zu essen, aber der Kampf ist es immer wieder wert :-) Als Hauptspeise gab es eine Art Reis mit Hühnerfrikassée. Gewürzt war es mit Zimt und Pfeffer. Interessant, aber für einen zweiten Versuch reicht es leider nicht.
Anfang der Woche hatte ich den Mädels vorgeschlagen, wir könnten ja mal in der "Ladies' street" (also so habe ich die Straße genannt) shoppen gehen. Die Straße ist von Frauenschneidern in maximal zweistöckigen (also Erd- und 1. Geschoss) Gebäuden gesäumt. Und in meiner und der Erinnerung anderer waren dort auch einige Textilläden. Als wir Donnerstagabend dort ankamen, haben wir leider nicht so viele Textilläden gefunden, wie gedacht; dafür aber einige Läden mit Abayas (der schwarze Umhang der hiesigen Frauen) und Schleiern. Ich wollte mir eine für hier angemessene (also 3/4 Ärmel, den Po bedekend) Bluse mir anfertigen lassen. Die Stoffsuche gestaltete sich etwas schwierig. Baumwolle ist hier nicht so der Renner, und mein Geschmack unterscheidet sich auch von der hiesigen Mode. Nichtsdestotrotz, ich wurde fündig. In einem unscheinbaren Laden saß eine Omanin. Wenn sie lachte, zeigte sich ihr schon angegriffenes Gebiss. Die anderen Mädels ermunterten mich dazu, zu handeln. Ich weiss, es gehört hierher, und ich habe das auch schon öfter gemacht. Trotzdem fällt es mir immer wieder schwer. Für 4 Rial (ca. 10 Euro) habe ich einen blau-silbernen Stoff mit Pasley-Muster erworben. Diesen habe ich dann mit einer "Muster-Bluse" in eine Näherei gebracht. Für 3 Rial (ca. 7,50 Euro, da habe ich nicht gehandelt) ist die Bluse in einer Woche fertig. Ich bin gespannt.

















Wir haben dann noch etwas die Gegend zu Fuß erkundet. Leider ist die Stadt nicht so fußgänger-freundlich, da es kaum Gehwege gibt. Neben der Straße sind gleich Parkplätze, von denen aus man direkt in die Läden geht. Wir laufen an Kasseten-Läden, einem Straßenimbiß, einem Uhrenreparatur-Laden vorbei.

Zwischendurch ist auch noch der Friedhof. Danach kommen wir in den Stadteil, wo unsere Sprachschule liegt. Hier haben wir den Eindruck, gar nicht mehr im Oman zu sein. Wir sehen fast ausschliesslich indische und pakistanische Verkäufer, in Männer-Nähereien, Kleidungs- und Haushaltswaren-Geschäften, kleinen Restaurants und Goldgeschäften. Immer wieder sieht man Omanis schnell aus ihren Autos steigen und in die Geschäfte gehen. In dieser Umgebung bin ich noch zurückhaltend, und mache keine Bilder. Zum Abschluss unserer "kleinen Shopping-Tour" (die anderen Mädels haben leider nichts passendes gefunden), gehen wir in ein Restaurant, mit allerlei Sandwiches nach amerikanischem (McDonalds und KFC) Vorbild, aber auch leckeren Obstcocktails mit Namen wie "Burj Al Arab" oder "Nokia".

Heute sind wir zu dem größten Lehmfort des Omans nach Bahla gefahren. Nach etwas 1 1/2 Stunden Fahrt durch karge und bergige Landschaft erreichen wir das UNESCO-Weltkulturerbe. Vor der Erkundung der Burg gehen wir noch etwas durch die Stadt, unter anderem bei einer Tonbrennerei.


































































Vor drei Jahren wurde das Fort nach zwanzig Jahren Restaurationszeit wiedereröffnet. Es wurde vermutlich im 17. Jahrhundert auf den Resten einer älteren persischen Anlage erbaut. Die Außenmauern sind sehr hoch und bestehen zum Großteil aus Lehmziegeln, die im unteren Teil durch Natursteine stabilisiert werden. Insgesamt ist deutlich zu erkennnen, dass das Fort über viele Epochen in unterschiedlichen Bauabschnitten entstanden ist. Die ältesten stammen aus vorislamischer Zeit. Die Stadt Bahla liegt auf einem Hüfel über einem breiten, steinigen Wadi. Wann Bahla genau gegründet wurde ist unklar. Zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert spielte Bahla als Hauptstadt und Herrschersitz der Nabhani-Dynastie eine wichtige Rolle. Aufgrund dieser Bedeutung musste die Stadt gut gesichert werden. Von der Festung aus ist deutlich die 13km lange und teilweise 5m hohe Stadtmauer sichtbar, teilweise begehbar, teilweise am Zerfallen. Die Mauer wurde vor 600 Jahren von einer Frau geplant und erbaut. Aber es hält sich auch das Gerücht, dass die Stadmauer in einer Nacht von Jinnen (Geistern) errichtet wurde. 
Mitten in der Mittagshitze bei gefühlten 40 Grad haben wir die Festung erkundet. In unserer Gruppe ist auch ein blinder Spanier dabei. Wir wechseln uns alle ab, ihn zu führen. So hatte ich auch die spannende Aufgabe ihn durch die Festung zu führen, die Räume zu beschreiben und den Weg. Das war manchmal eine Herausforderung. Aber eine Mitschülerin meinte, ich solle doch Touristenführerin für Blinde werden :-)
Euch wünsche ich nun viel Spaß beim virtuellen Gang durch die Festung. Nächstes Wochenende fahren wir in die Wüste und übernachten dort. Ich werde natürlich wieder Samstag Abend berichten.

Freitag, 25. November 2016

erste Eindrücke im Oman

Als ich Dienstag kurz vor Mitternacht in Muskat gelandet bin und aus dem Flugzeug stieg, holte ich ersteinmal tief Luft. Sie war etwas schwül und warm, und der Duft des Orients lag in ihr. Mein Herz ging auf, ich fühlte mich auf eine Art frei und wohl. Ich war wieder in einem Teil der Erde, der mir sehr viel bedeutet, und der meinen Charakter und mein Denken geprägt hat. Mich aber auch manchmal zur Weißglut bringt. Und dennoch, ich liebe den Mittleren Osten.
Der Oman hat es mir besonders angetan. Als ich mit 18 oder 19 Jahren das erste Mal hier war, hat er mich verzaubert. Etwas am Rande des Mittleren Ostens liegend, im Südosten der arabischen Halbinsel, an Saudi-Arabien, die Emirate und den Yemen grenzend, ist der Oman nicht im Fokus des Weltgeschehens, wenn er auch hier im Mittleren Osten oft hinter der großen Bühne entscheidende Politik betreibt. Der Oman (rot) ist etwa so groß wie Deutschland, hat allerdings nur etwa 4,5 Millionen Einwohner, wobei etwa 20% Ausländer bzw. Gastarbeiter sind, größtenteils aus Indien und Pakistan.
Bis in die 1960er war das Land noch ziemlich abgeschottet. 1970 übernahm dann Sultan Qaboos die Herrschaft, und führt seitdem das Land behutsam in die Moderne, ohne dabei die Tradition und Kultur des Landes zu vergessen. Im Gegensatz zu den Emiraten ist das Land lange nicht so reich an Öl.
Das hat anscheinend auch seinen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Ein ehemaliger emiratischer Klassenkamerad von mir sagte im Frühjahr: "Die Omanis sind nicht so hochnäsig wie wir Emiratis." Die Omanis sind sehr freundliche und entspannte Menschen, die in ihrer Tradition und Kultur verwurzelt sind, und dennoch offen für Fremde.
Das hat auch mit dem Glauben der Omanis zu tun. Während die Mehrheit der Muslime im Mittleren Osten Sunniten oder Schiiten sind, so sind die Omanis zum größten Teil Ibaditen. Der Ibadismus ist kurz nach Mohammeds Tod entstanden. Einerseits recht orthodox, andererseits offen und tolerant.
Die Natur ist wunderschön und facettenreich: Meer und Strand, raue Berge mit verschiedensten bunten Gesteinsschichten, und Sandwüste. Zwischendrin gibt es kleine Oasen, Wadis (ausgetrocknete Flussbetten, die in der Regenzeit zu reissenden Flüssen werden können) und Wasserbecken in Felsenschluchten.

Meine ersten Tage waren vom Ankommen und Entspannen geprägt. In Muskat hatte mich mein Gastgeber nach meiner Ankunft sogar mit dem Auto abgeholt, mitten in der Nacht. Am nächsten Tag habe ich dann ein paar andere "Schüler" getroffen, die sich auch zum Ziel gesetzt haben, ihr Arabisch auszubauen. Mit dem Bus sind wir nach drei Stunden Fahrt sind in Ibri angekommen, irgendwo am Rande des "Leeren Viertels".
Ibri scheint etwas verschlafen und hat etwa 100.000 Einwohner. Die allermeisten sind Omanis, einige Inder und Pakistanis, Philipinos habe ich auch schon gesehen, und ein paar wenige Weiße, ich schätze mal so unter 50 (in der Schule sind wir etwa 12, und vor zwei Tagen habe ich noch zwei andere gesehen). Also, super Bedingungen, um Arabisch zu sprechen :-)
Unter den Schülern sind eine 77-jährige Amerikanerin, ein australisch-schwedisches Ehepaar, das seit ca. 25 Jahren immer wieder im Mittleren Osten lebt, eine deutsche Sozialarbeiterin, eine französisch-marokkanische Krankenschwester, ein deutscher Student der Islamwissenschaften, drei amerikanische Studentinnen, und zwei junge Männer, die ich noch nicht kennen gelernt habe.
Wir wohnen in einem Gebäude an einem der zwei großen Kreisverkehre der Stadt.


Schön nach Frauen und Männern getrennt :-) Ich wohne in einer 5-er Frauen-WG. Mein Zimmer ist für zwei ausgelegt, aber ich hoffe, ich bleibe noch ein Weilchen alleine :-)

Ibri ist für seinen täglichen Viehhandel bekannt. Hier preisen die Tierbesitzer ihre Tiere an, während sie im Kreis laufen, um den herum die Bieter stehen. Auch Frauen (die nicht photographiert werden möchten, daher nicht auf dem Bild sind) bieten und kaufen. Ein Staatsbeamter "überwacht" das Treiben und notiert die Verkäufe.
Neben dem Viehmarkt gibt es noch einen Souq (einen Markt), dessen Treiben ich noch nicht in seiner Höchstform gesehen habe, und eine Festung. Diese wurde vor ca. 500 Jahren von dem Nabhan Stamm errichtet und in den 1990ern renoviert.


Ibri Castle - Kizoa Video und Movie Maker

Nach dem ersten kleinen Kennenlernen des Zentrums, wurden wir in die Regeln der Sprachschule eingeführt, und in einem Test unsere Arabisch-Kenntnisse abgefragt, um uns in eine angemessene Klasse einzustufen. Das Ergebnis steht noch aus. Ich bin gespannt :-) Sonntag, der hier der erste Tage der Woche ist, werd ich es erfahren :-)

Den Nachmittag sind wir in die Umgebung von Ibri gefahren ...

... und danach in den SUPER-Markt, wo anscheinend alles SUPER ist. Ich war etwas erschlagen.





Dafür war der nächste Tag von Natur-Konsum :-) geprägt. Wir sind etwas weiter fegahren, nordöstlich von Ibri, nach Yanqul, in ein Wadi, eine Oase, die ein wenig verlassen aussah, und zu einem Ziegen- und Schafbauern, bei dem wir unser Arabisch etwas über konnten :-)

Diese entspannte Zeit ist gerade nur möglich, da Nationalfeiertag ist. Seit 46 Jahren lebt dieses Land in Frieden und behutsamen Fortschritt, unter dem weisen Sultan Qaboos.
In diesem Sinne: Euch ein schönes Wochenende :-)