Samstag, 25. September 2004

Famulatur im Westen des Kongos

Mitte August flog ich nach 14 Jahren wieder in den Kongo. Nach unserem Heimaturlaub 1990 konnten wir nicht mehr zurückkehren wegen Unruhen, auf die ein Bürgerkrieg folgte, der WEltkrieg Afrikas, dessen Ende noch immer nicht abzusehen ist.

Meine Eltern erwarteten mich, durch das nächtliche Kinshasa – voller geschäftiger Leute – fuhren wir zur Dienstwohnung meines Vaters. Ich war froh, gut angekommen zu sein.

Nach einigen Tagen in Kinshasa und der Akklimatisation fuhren mich meine Eltern ins Krankenhaus von Kimpese. Es liegt zwischen Kinshasa und Matadi, der Hafenstadt am Atlantik. Die 5-stündige Fahrt war etwas aufregend und abenteuerlich. Auf der einzigen geteerten Landstrasse des Landes gibt es immer wieder Überfälle. Die Passagiere auf den hoch bis überbeladenen Lastwagen waren ungesichert, saßen oben auf Containern oder auf dem Geländer. Mit einer Hand hielten sie sich fest, in der anderen hielten sie ihr Gepäck, oder auch das Handy (Globalisierung lässt grüssen). Ab und zu fuhren wir durch kleinere Dörfer oder Ortschaften. Dort wurde Feuerholz, Obst, Gemüse, Handykarten, Flip-Flops, leckere Fleischspieße, Cola, Bier und vieles andere verkauft. Neben der Strasse liefen oft Frauen, die von den Feldern kamen. Ihre Last trugen sie auf dem Kopf, manchmal ein Kind auf dem Rücken. Und trotz allem gingen sie kerzengerade. Im Strassengraben sahen wir auch kaputte Autos. Wenn sie es nicht mehr bis dahin geschafft hatten, standen sie immer noch auf der knapp zweispurigen, mit Löchern gespickten Strasse, waren oft schon von den Rädern und sonstigen Autoteilen befreit worden. Manchmal konnte man diese Autoteile auf dem nächsten Markt kaufen. Nahe an der Strasse lief ein einspuriges Gleis von der Hauptstadt Kinshasa zur Hafenstadt Matadi. Wir kamen an einem Zementwerk, Soldaten an Kontrollstationen, Kindern, Ziegen, Hühnern, Tankstellen, einem Hotel „Belle Vue“ vorbei.

In Kimpese wurden wir herzlich begrüßt. Nach dem Mittagessen fuhren meine Eltern wieder nach Kinshasa, denn 18 Uhr werden die Schranken der Ausfallstraßen geschlossen. Dies soll nächtliche Überfalle auf Autos verhindern. Ich wohnte bei Dr. Mumbulu, seiner Frau Maman Silvie und den vier jungen Kindern. Zuerst bin ich schon erschrocken, denn mein Zimmer war nicht viel größer als das Bett. Das Mückennetz hängte ich darüber. Ich bin ja nicht zum Spaß gekommen. Am Nachmittag habe ich einen kleinen Spaziergang mit der Familie gemacht. Es ist hier wie im Busch. Die Trockenzeit näherte sich ihrem Ende. Am Abend hatten wir afrikanisches Familienleben. Immer wieder kommen und gehen Nachbarn, ich werde vorgestellt, man plaudert und lacht sehr viel. Gesprochen wird Lingala, Kikongo und Französisch.

Am nächsten Tag bin ich in allen Abteilungen des 400 Betten, aber bestimmt doppelt so viele Patienten fassenden Krankenhauses vorgestellt worden. Innere, Gynäkologie, Pädiatrie, Orthopädie mit Unfallchirurgie, Chirurgie mit Urologie und Ophthalmologie. Ein eigenes biochemisches Labor, eine Blutbank, wo das Blut auch auf HIV untersucht werden kann, sowie Radiologie haben sie auch. Zwar ist alles in einem schlechten Zustand, aber das Personal macht das Beste daraus. Die erste Woche verbrachte ich auf der Inneren Abteilung. Vormittags fand die Visite aller 60 Patienten durch einen Arzt, dem Studenten im Praktischen Jahr (PJ), der Oberschwester und mir statt. Am Nachmittag gab es Sprechstunde. Diese lief meistens auf Lingala, manchmal auf Kikongo und ganz selten auf Französisch. Da Afrikaner sehr viel gestikulieren, ich noch so manches auf Lingala verstand und dazulernte und der Arzt mir das Wesentliche übersetzte, verstand ich den Grund des Krankenbesuches. Dr. Mumbulu, mein Gastvater, lies mich französischsprachige Patienten untersuchen und die Anamnese durchführen. Die häufigsten Krankheitsbilder waren Infektionskrankheiten, Bluthochdruck und Diabetes. Malaria bekommen Erwachsene nur sehr selten, da sie schon Antikörper gegen die Erreger gebildet haben. Schätzungsweise 15 % der Bevölkerung sind HIV-positiv. Das Land hat nicht die Infrastruktur, nicht genügend Labore, um das wirklich genau zu bestimmen. Ein Patient ist verstorben, bevor man ihm mitteilen konnte, was der Arzt schon vermutet hatte, dass er HIV positiv ist.

Am ersten Wochenende gab es eine Abschlussfeier der Lehrkrankenschwestern und -pfleger. Sie fand im Freien statt. Dr. Mumbulu mit seiner kleine Tochter Rachel auf dem Schoss und ich durften in der ersten Reihe sitzen, direkt gegenüber den hohen Herrschaften. Wir, das gemeine Volk, saßen in der prallen Sonne. Der Gouverneursvertreter – sein Chef weilte angeblich gerade in Deutschland - der Polizeichef, Abgesandte verschiedener Ministerien und einige leitende Kräfte des Krankenhauses saßen unter einem Sonnendach. Die Reden der Offiziellen wurden angekündigt und es wurde um Applaus gebeten, der auch laut zu hören war. Die Redner behaupteten, das Land sei arm und sehr vom Krieg mitgenommen. Sie verschweigen ihren Anteil an der Misere. Sie versprachen mehr Geld für die Ausbildung des Personals und für Medikamente. Dies wurde mit Applaus und Jubel quittiert. Viel Lob erhielt Präsident Kabila, der seinem Vater im Amt gefolgt war. Er kann die Geschicke des Landes nicht allein bestimmen, weil vier Vizepräsidenten ihren Anteil an der Macht einfordern. Der Name und die Regierung des Landes haben sich geändert, nicht aber die Menschen und die Parolen. Und leider gibt es immer noch viel zu viele Korrupte und Egoisten. Der Direktor der Pflegeschule hat dieses Spiel nicht mitgespielt. Er hat niemanden gelobt, er hat sich getraut, Kritik an den Regierungsvertretern zu üben.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich auf der Pädiatrie. In der Trockenzeit sind die Kinder gesünder. Es gab nur 14 Kinder auf der Station, die eine Kapazität für 75 hat. Die meisten Kinder hatten Malaria oder sind unter-/fehlernährt. Zwei Krankheiten, die teilweise oder ganz zu verhindern sind, z.B durch Moskitonetze, ausgewogene Ernährung und Hygiene. Auf der Station lag ein Frühchen. Mutter wie Vater waren erst 14 Jahre alt (ein PJ-ler sagte: l’enfant des enfants, womit er so recht hat). Das Baby lag mit Neugeborenengelbsucht unter Phototherapie (UV-Strahlen helfen beim Abbau des Blutes, was die Leber noch nicht so schafft). Die Brutkästen waren in schlechtem Zustand, rosteten schon und mangelten an Ersatzteilen. Manches wurde durch Mullbinden statt durch Schrauben zusammengehalten. Ein kleiner Junge fing zu weinen an, als er mich sah. Er hatte wahrscheinlich noch nie in seinem Leben einen Weißen gesehen.
Wenn wir in den Pausen draußen saßen, amüsierte ich mich über die blökenden Schafe und die Ziegen, die frei auf dem Krankenhausgelände herumlaufen. Sie laufen auch dort herum, wo die Verwandten der Patienten kochen, wie gewöhnlich auf dem Boden. Die Kranken werden von ihren Verwandten mit Essen versorgt.

Nach zwei Wochen kam mich mein Vater übers Wochenende besuchen. Mit einigen jungen Leuten machten wir einen Ausflug zu einem Wasserfall. Zwei Stunden Fußmarsch durch eine wunderschöne Landschaft: Savanne, Gestrüpp, ab und zu Termitenhäuser, eine kleine Oase, eine schwankende Hängebrücke, ein Mangobaumwald, der schon zum Teil gefällt war, große rote Felsen. Ganz selten trafen wir Menschen. Sie tragen Feuerholzbündel auf dem Kopf, bestellen ihr Feld oder schälen Maniokwurzeln. Ich habe mich viel mit meinem Vater über den Kongo unterhalten. Dieses Land wird ausgebeutet und die Menschen lassen es zu. Einige Kirchenoberen missbrauchen sogar die Bibel, um das Volk zum Schweigen zu bringen. Auf dem Rückweg kamen wir durch ein kleines einheimisches Dörfchen, Lehmhütten mit Palmendächern und viele fröhliche Kinder, die sich gleich vor meine Kamera stellten. Am Abend waren wir zwar alle sehr müde, dennoch setzten wir uns noch vors Haus, diskutierten und sangen. Das ist entspannend. Hier gibt es keinen Zeitdruck wie bei uns in Europa.

Eines Abends saßen wir wieder einmal vor dem Haus, unterhielten uns und lachten sehr viel. Da kam ein Anruf, es seien 20 Verletzte von einem Verkehrsunfall eingetroffen. Also eilten Dr. Mumbulu und ich zur Ambulanz, wo viele Schaulustige standen. Ein Arzt teilte ein, wer schwerer und leichter verletzt ist, wer sofort und wer später versorgt werden kann. Die Verletzten lagen im Flur auf dem nackten Boden, manche waren ruhig, andere redeten laut. Gepäck lag überall herum, man fiel fasst über die Verletzten oder das Gepäck. Der Geruch von Blut lag in der Luft. Eine junge Mutter lag auf dem Boden, ihre am Kopf verletzte kleine Tochter an ihrer Brust. Ein Mann wollte überhaupt nicht von uns angefasst werden. Dr. Mumbulu untersuchte einige Verletzte. Auf dem Weg zum OP erfuhr ich, dass der Unfall gegen 11 Uhr passiert sei, zwei Menschen starben schon. Sie hatten zwischen Fahrerkabine und Ladefläche eines LKW gesessen. Als dieser verunglückte, fiel die Kabine auf die eine und die Ladefläche auf die andere Seite. 22 Uhr konnten wir mit den Op´s beginnen. Bei uns im Saal, übrigens ohne Klimaanlage, wurden zwei Kinder mit großen Kopfwunden, die bis auf den Knochen reichten, operiert. Das kleine Mädchen drohte aus der Narkose nicht mehr aufzuwachen. Der Anästhesist hatte wirklich einen harten Job, wenig Geräte. Ein Stethoskop auf das Herz des Patienten geklebt, Beatmung mit einem Beatmungsbeutel, eine Sauerstofflasche, Halothangas als Anästhetikum und Adrenalin zum Aufwecken. Mehr gab es nicht. Das ist schon heftig.
Ein Junge, der sich auf keine Seite legen konnte, ohne dass ihm etwas weh tat, weil er überall Schürfwunden hatte, war sehr ruhig. In den zwei riesige Kopfwunden war Asphalt und Dreck zu sehen. Der Schädelknochen war auch angebrochen. Aber ein CT oder MRT konnte nicht angefertigt werden. Der Arme fiel wohl vom LKW und ist über die Strasse geschliffen wegen der Wucht. In den anderen drei Sälen wurde ebenfalls operiert. Gegen 2:30 waren wir fertig. Fix und fertig.

Während einer Nachtwache mit einem PJler wurden wir zu einer etwa 40-jährigen Frau ins Intensivzimmer gerufen. Sie war stark abgemagert, einen Blutdruck von 60/40 mmHg. Ihre Familie sah bei diesem lebensbedrohlichen Zustand nicht ein, warum sie ihr weniges Geld für eine teure Infusion einsetzten sollten. Vier Stunden später ist die Frau gestorben. Sie hatte AIDS.
Im Kongo gibt es keine Krankenversicherung und der Staat sieht nur ein viel zu kleines Budget für das Gesundheitswesen vor. So müssen die Angehörigen in der Krankenhausapotheke alle für den Kranken benötigten Mittel kaufen, ehe er versorgt wird. Die Behandlungen sind meistens kostenlos.

Nach der einmonatigen Famulatur in Kimpese verbrachte ich noch vier Tage bei meinem Vater in Kinshasa. Einen Tag ging ich mit der Köchin auf den Hauptmarkt. Es war ein sehr buntes Bild: Stoffe für Kleider, Flip-Flops, Waschmittel, Feuerzeuge, Zwiebeln, Tomaten, Ananas, Bananen, Avocado, Orangen, Reis, Maniok, Bohnen, Gurken, viele Menschen, kaum Weiße mit ihren Hausmädchen oder Köchinnen, kleine Jungs, die sich für ein paar Groschen als Träger der Waren anboten.
Mit meinem Vater besuchte ich noch den großen Kunstmarkt. Dort werden kongolesische Kunstwerke und sehr bunte Gemälde angeboten. Jeder bot uns seine Ware feil. Sie wissen, dass wir uns als Weiße diese eher leisten können als die Einheimischen. Feilschen gehört dazu.