Freitag, 24. Dezember 2010

die vergessenen Christen

Immer wieder wird über die muslimische Minderheit in unserem Land, in der EU gesprochen. Sie wird größer, schafft sich ihren Raum, es wird ihr sogar hofiert. Christian Wulff ist auch ein Präsident der Muslime.
Und wer denkt an die Minderheiten in muslimischen Ländern? Wer tritt für ihre Rechte ein? Christen verlassen den Mittleren und Nahen Osten, müssen fliehen, weil sie (sogar zu Weihnachten) um ihr Leben bangen müssen.

Montag, 20. Dezember 2010

Donnerstag, 25. November 2010

Gemeinsam gegen Armut

auch in der Politik, über die Parteigrenzen hinweg



man beachte die 4:17 Minute :-)

Verbrannte Erde



ein Film, der zum Tun anregt...

Samstag, 20. November 2010

Sonntag, 24. Oktober 2010

Rede zur Demokratie von Prof. Lammert

Rede zur Demokratie
Leipzig, Nicolai-Kirche 9. Oktober 2010

Sehr geehrter Herr Superintendent,
Herr Oberbürgermeister,
Herr Minister, meine Damen und Herren,
hochverehrtes Leipziger Volk,

am letzten Sonntag haben wir mittags in Bremen und abends in Berlin und gleichzeitig in vielen Städten des Landes den 20. Jahrestag der deutschen Einheit gefeiert. Ein Ereignis, das vielen, die damals dabei waren und manchen bis heute wie ein Wunder erscheint. Ein Wunder war es aber nicht - auch nicht ein Naturereignis, sondern die Folge einer nicht nur in der deutschen Geschichte beispiellosen friedlichen Revolution, die ihre selbst gesetzten Ziele nicht nur erreicht, sondern am Ende sogar überboten hat. Als jemand, der wie ich Beobachter der damaligen Ereignisse war, aber nicht Beteiligter, der nicht Bedrohter gewesen ist, sondern zu den Begünstigten der Entwicklungen gehört, die daraus entstanden sind, wird bis an mein Lebensende meine Bewunderung und mein Respekt den Frauen und Männern gelten, die damals scheinbar ohne jede Aussicht und scheinbar wider gegen jede Vernunft für ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmung auf die Straße gegangen sind und am Ende die Einheit unseres Landes in Freiheit möglich gemacht haben.

Wir leben heute in einem freien Land mit einer demokratischen Verfassung, in einem Land, in dem wir als Deutsche und zugleich als Europäer zum ersten Mal überhaupt in unserer Geschichte mit allen unseren Nachbarn in Frieden und Freundschaft zusammenleben. Da wir uns längst daran gewöhnt haben, diesen außergewöhnlichen Zustand für selbstverständlich zu halten, ist ein Tag wie heute eine gute Gelegenheit daran zu erinnern: Glücklichere Zeiten hatten wir Deutsche nie. Und bei allem, was in den zwanzig Jahren seit dem 3. Oktober 1990 nicht gelungen sein mag oder nicht sofort gelungen oder nicht in vollem Umfang gelungen, weil ja meistens im Leben die Erwartungen sich noch schneller entwickeln als unsere Möglichkeiten und Errungenschaften, auch bei selbstkritischer Betrachtung dieser vergangenen zwanzig Jahre haben wir allen Anlass zu stillem Stolz und lautem Dank. Und das gilt im Übrigen und ausdrücklich für den Westen gegenüber dem Osten nicht weniger als umgekehrt.

Historische Ereignisse haben ihre Daten, an die wir uns erinnern, weil damals etwas stattgefunden hat, was wir als Zäsur empfinden. Tatsächlich haben die herausragenden historischen Ereignisse regelmäßig meist Ursachen und Folgen, die weit über diese Daten hinausweisen. „Der frische Wind weht schon, auch wenn wir ihn nicht sehn“, wie Martin Jankowski in seinem Lied “Meine Ahnung (frischer Wind) “ schon 1988 ausdrückte und das er im Friedensgebet eben wieder vorgetragen hat. Ohne den 9. Oktober 1989 in Leipzig gäbe es den 9. November in Berlin nicht, den Fall der Mauer. Und beides zusammen war die Voraussetzung für den 3. Oktober 1990, die Wiederherstellung der Einheit unseres Landes und damit zugleich für die Überwindung der Teilung nicht nur Deutschlands, sondern Europas. Aber der Weg zur Freiheit hat nicht am 9. Oktober hier begonnen - so wenig wie er am 9. Oktober zu Ende war. Wenn überhaupt sich für solche Entwicklungen Daten benennen lassen, dann hat dieser lange, mühsame, entbehrungsreiche, verzweifelte Weg zur Freiheit begonnen am 17. Juni 1953. Damals sind zum ersten Mal erfolglos die Menschen in Ostberlin und in vielen anderen Städten aufgestanden und haben sich gegen die Bevormundung, die Entmündigung, die Verweigerung von Grundrechten aufgebäumt. Dieser Aufstand ist niedergeknüppelt worden, so wie der Volksaufstand 1956 in Budapest und der Prager Frühling 1968 und der Aufstand der Solidarnosc in Danzig 1980. Der Triumph der Freiheit war die Folge einer Serie von Niederlagen und er ist nur deswegen möglich geworden, weil die Menschen sich geweigert haben, diese jeweils zusammengeknüppelten Aufstände als das letzte Wort der Geschichte zu akzeptieren.

Freiheitskämpfe verdienen nicht dann Respekt, wenn sie erfolgreich gewesen sind, sondern wenn sie stattfinden. Würde Stefan Zweig heute noch leben, würde er vermutlich in seinen „Sternstunden der Menschheit“ dem 9. Oktober 1989 in Leipzig ein literarisches Denkmal setzen. Denn natürlich gibt es nur wenige Tage an denen sich der Wind der Veränderung so deutlich spüren und auch nachvollziehen lässt, wie das an jenem Tag in Leipzig der Fall gewesen sein muss. Damals hat hier Weltgeschichte stattgefunden, was man übrigens regelmäßig erst hinterher so genau weiß. Wenn meine Informationen über den Ablauf der Ereignisse richtig sind, ist damals nicht eine Scheibe zu Bruch gegangen, nur ein System. Das war - bis an die Zähne bewaffnet und scheinbar auf alles vorbereitet - zum eigenen Entsetzen am Ende seiner Möglichkeiten angelangt, nachdem es unmittelbar vorher mit Pomp und Militärparaden seinen vierzigsten Geburtstag zelebriert hatte. Diesen vierzigsten Geburtstag hat Erich Honecker damals mit dem nie mit Literaturpreisen ausgezeichneten, schwer überbietbaren Zitat geschmückt : „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“. Vier Wochen später war die Mauer gefallen. Sechs Monate später war die Regierung in den ersten freien Wahlen, die es in der DDR überhaupt gab, aus dem Amt gewählt. Noch einmal sechs Monate später hatte sich der Staat aufgelöst. Aber es waren tatsächlich nicht Ochsen und Esel, es waren die Menschen die diese Veränderung wollten und die sie durchgesetzt haben. Deshalb ist tatsächlich der 9. Oktober ein Fest der Demokratie, und ich bedanke mich sehr für die Einladung, mich an dieser schönen Tradition beteiligen zu dürfen, an diesem Tag gemeinsam über Demokratie nachzudenken.

Wenn wir auf die politischen Verhältnisse heute, zwanzig Jahre danach, in unserem demokratisch verfassten geeinigten Land schauen, dann stellen wir fest: weder die Parteien noch die Parlamente, weder die Regierungen noch die Opposition befinden sich auf dem Höhepunkt ihres öffentlichen Ansehens. Es gibt viel unzutreffende, aber eben auch manche berechtigte Kritik am Zustand unseres politischen Systems. Und dafür müssen wir gar nicht Umfragen bemühen mit den Zufälligkeiten der Umfragezeitpunkte und den Ungenauigkeiten in der Zuordnung von Auskünften. Eines wird man bei ruhiger und selbstkritischer Betrachtung schwerlich übersehen können: Das, was wir zum Funktionieren einer demokratischen, modernen Gesellschaft am dringendsten brauchen, droht zunehmend verloren zu gehen – Vertrauen. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Politik und für Politiker, das ist wohl wahr. Es gilt für Unternehmer, es gilt für Banker, es gilt für Sportler, es gilt für Funktionäre unterschiedlichster gesellschaftlicher Bereiche, es betrifft die Medien und es macht auch vor den Kirchen nicht halt.

Das ist die Lage. Ich empfehle uns dringend, nicht zu unterschätzen, welcher Gesamteindruck sich in der Öffentlichkeit zunehmend vermittelt und fast zwangsläufig ergeben muss. Denn wo immer man hinguckt, immer häufiger werden Erwartungen enttäuscht und wird das Vertrauen nicht bestätigt, das man gerade mit der Übernahme herausragender Funktionen diesseits und jenseits der Politik - wie ich finde zu recht - verbindet. Der Befund, über den wir hier reden, ist auch keine Momentaufnahme. Es ist ja leider nicht so, als sei es bis kurz vor diesem erstaunlichen Befund ganz anders gewesen und deswegen ab übernächster Woche auch sicher wieder alles in Ordnung. Wir reden nicht über eine vorübergehende Schlechtwetterfront, sondern wenn überhaupt reden wir über einen schleichenden Klimawandel, auch im Verhältnis der Bürger zu ihren Repräsentanten. Ein Wandel, der sich bei genauem Hinsehen schon seit einer beachtlichen langen Zeit in einem besorgniserregend stabilen Trend bemerkbar macht.

Dass Demokratien ausbluten können oder erodieren, dass wissen wir Deutsche seit dem Scheitern der Weimarer Republik. Am mangelhaften Verfassungstext ist die Weimarer Republik nicht gescheitert, am unzureichenden Einsatz der Demokraten schon sehr viel eher. Die Demokratie im Normalzustand erzeugt in der Regel auch weniger Leidenschaft, als eine Diktatur im Ausnahmezustand. Deswegen wird man sich aber wohl schwerlich den Ausnahmezustand als Dauerzustand wünschen wollen, um die Leidenschaften auf Dauer zusetzen.

Für den Verlust an Vertrauen gibt es viele Indizien: Dazu gehört die seit Jahren rückläufige Wahlbeteiligung. Dazu gehört der nicht zu übersehende bemerkenswerte Verlust der Bindungskraft politischer Parteien, auch und gerade der großen Volksparteien. Man muss eigentlich längst sagen :der früher großen Volksparteien. Haben doch allein die beiden größeren Volksparteien in Deutschland in den vergangenen fünfzehn Jahren zusammen mehr als eine halbe Millionen Mitglieder und weit mehr Wähler verloren. Dieser geringe Anteil an Bindungskraft führt kombiniert mit der rückläufigen Wahlbeteiligung zu dem außerordentlich ernüchternden Befund, das die Partei der Nichtwähler inzwischen die größte politische Gruppierung in Deutschland ist und zugleich die mit den höchsten Zuwachsraten.

Dennoch und gerade deshalb müssen wir sorgfältig zwischen der Zustimmung zur Demokratie als Staatsform und der Kritik an der Arbeit demokratischer Institutionen und den konkret stattfindenden politischen Ereignissen unterscheiden. Diese Kritik ist im übrigen nicht nur erlaubt, sie ist auch notwendig, auch wenn nicht jede Kritik berechtigt und in Art und Umfang überzeugend ausfallen muss. Die Anforderungen, denen sich die Politik heute ausgesetzt sieht - von der kommunalen Ebene angefangen bis zum Bund und bis zur europäischen Gemeinschaft und den internationalen Organisationen - sind im übrigen nicht nur anders als früher, sie sind auch höher und größer als früher. Ein so unverdächtiger, jedenfalls der Neigung zur Übertreibung unverdächtiger, erfahrener und kluger Beobachter wie Hans-Jochen Vogel, der Erfahrungen so wohl in der Kommunalpolitik als langjähriger Münchener Oberbürgermeister als auch in der Landes- und in der Bundespolitik hat, als Regierender Bürgermeister in Berlin, als Bundesminister in Bonn, der also in Regierungsämtern und in Gesetzgebungsorganen über eine jahrzehntelange Erfahrung verfügt, hat gerade im Kontext dieser Auseinandersetzung einmal darauf hingewiesen, früher sei tatsächlich alles deutlich einfacher gewesen. Heute, sagt er, sei die Wahrung von Wohlstand und sozialer Sicherung bei rückläufiger Bevölkerungszahl und zunehmender Überalterung unter den Wettbewerbungsbedingungen der Globalisierung eine neue und große Herausforderung, die es früher so nicht gegeben hat. Dem wird man schwerlich widersprechen können. Die Erwartungen der Öffentlichkeit im Umgang mit diesem Problem sind allemal ausgeprägter als die tatsächlichen Gestaltungsspielräume, die sowohl bei den Regierungen als auch bei Parlamenten regelmäßig sehr viel enger sind, als die Öffentlichkeit in den großzügigen Entwürfen erhofft und gelegentlich vermutet. Es ist im übrigen auch schwer zu übersehen, dass die konkreten Erwartungen des Publikums an Regierungen und Parlamenten sich nicht selten wechselseitig ausschließen, weil das, was die einen für absolut dringlich halten, die anderen oft für unzumutbar erklären und umgekehrt. Auf diese Weise werden durch Festhalten an gewohnten Verhältnissen und liebgewordenen Besitzständen genau die Veränderungen verhindert, deren Ausbleiben die Wähler anschließend Parteien, Parlamenten und Regierungen vorwerfen.

Ihnen fällt in diesem Zusammenhang vermutlich auch ein konkretes Beispiel ein, mir auch. Und es wäre ja geradezu wirklichkeitsfremd, an einem Tag wie heute in Leipzig, wo wir die Bedeutung und Wirkung der Montagsdemonstrationen würdigen, nicht über Rang und Bedeutung der Demonstrationen nachzudenken, die in Stuttgart schon seit Wochen stattfinden und von denen nicht wenige meinen, dass ihnen eine durchaus vergleichbare politische, wenn nicht historische Bedeutung zukomme.

Deshalb möchte ich doch zu Beginn auf den mehr als nur marginalen Unterschied aufmerksam machen, dass die Leipziger Montagsdemonstrationen der Einforderung eines Rechtsstaates dienten, den es damals nicht gab, während wir heute, ob in Stuttgart, Berlin, Dresden, Köln oder Hamburg, wo immer wir vom Demonstrationsrecht Gebrauch machen, uns der Errungenschaften ganz selbstverständlich bedienen, die der Rechtstaat garantiert, was offenkundig nicht dasselbe ist.

Der Bau eines Bahnhofs, der Bau eines Flughafens oder eines Kraftwerkes, so wichtig sie jeweils sein mögen, ist sicher kein geeigneter Anlass für eine Regierung, zu demonstrieren, dass sie stärker ist als das Volk. Am Ende, das wissen wir inzwischen ja etwas genauer, ist ohnehin das Volk immer stärker. Aber auch das Volk kann bei ruhiger Betrachtung kein Interesse an einer Kraftprobe mit dem Rechtsstaat haben, von dessen verlässlicher Ordnung die Wahrung seiner Freiheitsrechte abhängt.

Richard Schröder, der Theologe und Teilzeit-Politiker, damals Fraktionsvorsitzender in der SPD in der freigewählten Volkskammer, hat im Sommer dieses Jahres in einem sehr lesenswerten Essay unter dem Titel „Warum die Demokratie dennoch die bessere Staatsform ist“, sich mit den Erwartungen und Frustrationen auseinandergesetzt, die zunehmend die öffentliche Stimmung prägen, und in diesem Zusammenhang mit Nachdruck davor gewarnt, die Demokratie pauschal zu kritisieren. Ich möchte zwei Sätze zitieren, weil ich sie gerade auch im Zusammenhang mit den aktuellen Auseinandersetzungen nicht nur aber auch in Stuttgart für eine zutreffende Ermahnung an alle Beteiligten halte. „Wer uns aber,“ schreibt Richard Schröder, „eine bessere Demokratie vorbei an Grundrechten und Gewaltenteilung verspricht, dem müssen wir die bittere Erfahrung entgegen halten: Antiparlamentarismus im Namen des Volkes hat in Deutschland schon zweimal in die Diktatur geführt. Beide Diktaturen liebten das Wort Volk ganz besonders: Volkspolizei und Volksarmee und Volkskammer und Volksgerichtshof und Volkszorn und Volkswille.

Je genauer man hinsieht, desto schwieriger wird der Umgang mit der Demokratie. Sie ist eben nicht nur die beste uns bislang bekannte Staatsform, es ist auch die schwierigste, die anspruchsvollste. Müssen sich auch demokratisch gewählte Regierungen und Parlamente Widerspruch und Widerstand von Menschen gegen demokratisch getroffene Entscheidungen gefallen lassen? Ja, sie müssen sich das gefallen lassen, denn dies ist der Preis der Freiheit. Aber auch Demonstranten müssen sich zumuten lassen, dass ihnen geltendes Recht vorgehalten wird, denn es ist die Bedingung ihrer Freiheit und wenn wir uns einmal auf das riskante Spiel einlassen, die einen Rechte gegen die anderen auszuspielen, zum Beispiel das Demonstrationsrecht gegen das Baurecht, dann bedenke jeder das Ende. Wenn für einmal getroffene Entscheidungen, bei denen im übrigen ernsthaft niemand bislang den Vorwurf erhoben hat , es sei durch Verkürzung von Rechtswegen oder gar durch Verweigerung von Beteiligungsrechten entstanden, wenn einmal allgemein akzeptiert wird, dass eine korrekt zustande gekommene Entscheidung dispositionsfähig sein müsse, muss jeder die Frage für sich beantworten, was für die nächste, die übernächste, die dritte, die dreißigste, die dreihundertste und die dreitausendfünfhundertste Entscheidung denn an Regeln gelten soll, die für alle verbindlich sein sollen und müssen.

Parlamente wie Regierungen müssen ganz gewiss lernfähig sein. Und wo diese Begabung nicht besonders ausgeprägt ist - was gelegentlich vorkommt - muss es trainiert werden. Für die Parteien gilt das ganz besonders. Aber sie sollten nicht wankelmütig sein. Mit Abstand wichtiger und wirksamer als die schwankende Popularität einer Politik ist ihre Glaubwürdigkeit. Was die Politik an Glaubwürdigkeit verliert - wodurch auch immer - durch Wankelmütigkeit, durch Wortbruch, durch Gleichgültigkeit oder durch Beliebigkeit, warum auch immer, was sie an Glaubwürdigkeit verliert, kann sie an Popularität weder gewinnen noch ausgleichen. Wir alle miteinander, aber die Politiker natürlich in allererster Reihe, sollten vielleicht etwas bescheidener in unseren Ankündigungen werden ,dafür aber anspruchsvoller in den Zielen und mutiger in den Entscheidungen.

Streit ist nicht nur erlaubt sondern im Ringen um die beste Lösung unverzichtbar, er sollte aber immer an der Sache orientiert sein. Er muss Diffamierungen und Übertreibungen vermeiden. Demokratie ist kein Verfahren zur Vermeidung von Streit, ganz im Gegenteil. Demokratie ist das beste uns bislang bekannte Verfahren, unvermeidlichen Streit erstens fair und zweitens verbindlich auszutragen. Und das Kriterium der Fairness ist nicht weniger wichtig als die Erwartung der Verbindlichkeit. Das eine ist die Voraussetzung für das andere.

Politik kann im übrigen immer nur so gut sein wie die Leute, die sich für das Gemeinwohl zur Verfügung stellen. Buhrufe von den Zuschauerplätzen sind erlaubt, ersetzen aber nicht das eigene Engagement. Und im übrigen, einmal ganz praktisch betrachtet: jeder, der sich für die Politik für zu gut hält, muss wissen, das er sie damit anderen überlässt, die er selbst für schlechter hält. Dass ein beachtlicher Teil politischer Entscheidungen in den berühmten Kulissen stattfindet, nicht auf der Vorderbühne, der unmittelbaren Beobachtung des mal mehr und mal weniger begeisterten Publikums entzogen, ist wahr. Und auch auf die Gefahr hin, das jetzt die ersten Zuhörer gehen: Es ist vernünftig. Es ist nämlich eine Voraussetzung dafür, dass Kompromisse überhaupt möglich werden, die nach den blutigen Opfern des politischen und religiösen Fundamentalismus, die wir bis in unsere Tage beklagen, zu den größten Errungenschaften der Menschheit gehören. Eine Gesellschaft , die nicht mehr kompromissfähig ist, wäre weder eine humane noch eine freiheitliche Gesellschaft.

Deshalb muss ein politisches System, das sich von seinem Grundverständnis her als Ordnungsrahmen einer freiheitlichen Gesellschaft versteht, die Voraussetzungen dafür schaffen und erhalten, dass Kompromisse möglich bleiben oder möglich werden.

Ich möchte zum Schluss noch eine Bemerkung zur jungen Generation machen, an deren Interesse und Engagement für viele wichtige, manchmal auch nicht ganz so wichtige Dinge, kein ernsthafter Zweifel erlaubt ist, bei der wir aber auch nicht übersehen dürfen, dass das vorhin im Allgemeinen festgestellte begrenzte Vertrauen gegenüber politischen Institutionen und vor allem gegenüber den Parteien bei ihnen eine besonders starke Ausprägung findet. Attraktiv erscheinen für junge Leute insbesondere Institutionen, die mit Politik wenig und mit Parteien gar nichts zu tun haben. Das muss uns nachdenklich stimmen, denn eine Erleichterung oder Begünstigung ist das bei genauem Hinsehen für niemanden, nicht mal für die jungen Leute selbst. Es ist auch kein Naturgesetz. Deshalb wäre es schon mehr als nur schön, sondern dringend erwünscht, wenn möglichst viele junge Leute mehr als heute auch die öffentlichen Angelegenheiten für ihre eigenen Angelegenheiten hielten und sich mit Nachdruck selber darum kümmern. Über welche Themen wir heute auch immer reden und gelegentlich entscheiden, ob über die Entwicklung des Arbeitsmarktes, die Zukunft unserer sozialen Sicherungssysteme, die künftige Struktur unserer Energieversorgung, den Wehrdienst, den Klimawandel und wie wir damit umgehen wollen, für alle diese Themen gilt: wir verhandeln über die Zukunftsperspektiven von niemanden mehr als von der jungen Generation, die den größten Teil ihres Lebens noch vor sich hat.

Und in diesem Zusammenhang mal nur zum weiteren Nachdenken: Nehmen wir mal an, wir meinten es ernst mit dem Bau einer völlig neuen Architektur unserer künftigen Energieversorgung, die wenn eben möglich ganz oder so gut wie vollständig auf erneuerbaren Energien aufgebaut sein soll. Wenn wir das ernst meinen, werden wir in einem gigantischen Umfang Netze nachrüsten müssen und Stromleitungen brauchen, die nach allen Erfahrungen dort, wo sie gebaut werden, nicht auf die jubelnde Zustimmung der dort jeweils lebenden Menschen treffen. Wollen wir dann jeweils Volksabstimmungen durchführen, Ort für Ort, Region für Region, und führen in einem großen verzweifelten Finale einer selbst sich am Ende überholenden Volksherrschaft die Demokratie restlos ad absurdum? Oder erhalten wir unsere Fähigkeit, verantwortlich mit der eigenen Zukunft umzugehen?

Václav Havel, der tschechische Bürgerrechtler, der übrigens in dieser Woche seinen 74. Geburtstag gefeiert hat, hat vor einiger Zeit einmal, mit Blick auf die zurückliegenden Ereignisse gesagt: „Solange wir um die Freiheit kämpfen mussten, kannten wir unser Ziel. Jetzt haben wir die Freiheit und wissen gar nicht mehr so genau, was wir wollen.“

Wissen wir, was wir wollen? Die Euphorie und die Ängste, die elektrisierende Atmosphäre des 9. Oktober der Tage davor und danach, vor und nach dem Mauerfall bis zur Wiederherstellung der deutschen Einheit kann man nicht ernsthaft auf Dauer setzen. Man kann Euphorie nicht auf Flaschen ziehen und Begeisterung nicht in Konserven lagern. Aber das, was aus den damaligen Ereignissen geworden ist, das kann man nicht nur konservieren, das müssen wir konservieren, das ist unsere Aufgabe. Einigkeit und Recht und Freiheit. Roman Herzog, unserer früherer Bundespräsident, hat einmal gesagt: „Es gibt viele demokratische Tugenden, Bequemlichkeit gehört nicht dazu“. Das ist ein kluger Satz. Er gilt im übrigen nicht nur für das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat, er gilt auch für das Verhältnis der Politik gegenüber der Gesellschaft. Die erste demokratische Tugend ist Verantwortung, Verantwortung für sich selbst und Mitverantwortung für das eigene Land. Für die Verhältnisse in unserem Land, für die politische, die wirtschaftliche, die soziale und die kulturelle Entwicklung in unserem Land sind wir verantwortlich.

Wir alle. Wer sonst? Wir sind das Volk.

Nur ein Augenblick

Sonntag, 3. Oktober 2010

20 Jahre

ist es schon wieder her, dass Deutschland in einem vorher nie dagewesenen und danach nie wieder aufgetretenen Geschehen vereint wurde. Ein Wunder.
Wieviel mussten Menschen in der DDR ertragen? Wie froh waren sie, als die Mauer fiel. Es war eine Art Erlösung, denke ich.
Das Volk, das viel Leid und Tod über andere Völker gebracht hatte, lebt nun in Freiheit, Einheit und Wohlstand. Das gilt es zu wahren.

Wenn ich über den Mauerfall und die Wiedervereinigung nachdenke, kommen mir die Tränen. Wie viele lieb gewonnen Menschen hätte ich nie kennen gelernt, was wäre mir entgangen, nicht in Leipzig wohnen zu können? Mein Leben wäre anders verlaufen. Unter welchen Bedingungen hätten die Bürger der DDR weiter leben müssen? Wie viele Familien wären getrennt geblieben?

Deutschland ist ein wunderbares Land. Es hat viele Denker, Politiker, Künstler, die unsere Kultur geprägt haben. Wir gehören zu einem der reichsten Länder der Erde. Es herrschen hier paradiesische Verhältnisse, im Gegensatz zum Großteil der Welt.

Ich liebe Deutschland, einfach, weil es mein Mutterland ist. Ich kann mit Stolz und Freude sagen, dass ich (auch) Deutsche bin. So vieles ist schon selbstverständlich geworden, und manchmal auch zur Belastung, dass ich erst im Ausland merke, wie schön es ist, das wir das haben:
  • Ordnung
  • Sauberkeit
  • Umweltschutz
  • Krankenversicherung
  • Arbeitslosengeld
  • Polizei
  • Freiheit
  • u.v.m.
Und ich glaube, wenn wir uns wieder auf unsere Wurzeln besinnen, wenn wir mit erhobenem Haupt sagen können, dass wir Deutsche sind, dass wir dann auch Ausländer integrieren können.

Mittwoch, 15. September 2010

Friedensnobelpreisträger will größten Waffendeal der USA schliessen

mit Saudi-Arabien, um die Verbündeten im Golf zu stärken, und gegen den Iran aufrüsten. Das klingt doch nach Säbelrasseln.

Komisch, wieso die USA sich aus dem Irak und Afghanistan zurück ziehen.

Die Schlagzeile prägt die Meinung

ZEIT: Luftangriffe im Gaza-Streifen überschatten Friedensgespräche
BBC: Israel bombs Gaza tunnels as leaders talk peace
Der Spiegel: Luftangriffe überschatten Friedensgespräche
WELT: Angriffe trüben Nahost-Gespräche

... und liest man weiter, so fällt doch auf, wer angefangen hat. So können die Medien die Meinung beeinflussen. Wobei die letzten beiden es nur in dem Untertitel tun.

Samstag, 4. September 2010

Gross-WG im Stress

In der Wohnung (ca. 80 qm, 4 Zimmer) von Valeria (Brasilianerin) und Gernot (dt. Arzt, der seit Jahren versucht, hier eine Anerkennung als Arzt zu bekommen, solange verschiedene Forschungsprojekte betreut) ist Platz für viele:
  • Jeanette (dt. Medizinstudentin, die seit sie ein Jahr alt ist, hier aufgewachsen ist, zum Studium aber nach Deutschland kam, zur Zeit ihre Doktorarbeit hier absolviert, jetzt einen Brasilianer heiratet)
  • Caro (dt. Medizinstudentin, zur Doktroarbeit über die Risikofaktoren der Lepra hier)
  • Tim (dt. Medizinstudent, zur Doktorarbeit über Sandflöhe in Slums unterwegs)
  • Joshi (dt. Zivi, arbeitet in einem Slum)
  • Dima (1/4 Deutscher, 1/4 Ukrainer, 1/4 Russe, 1/4 Kasache, seit 9 Jahren in Deutschland, fertiger Politologe aus Hamburg, ist jetzt wg. der Hochzeit für 2 Wochen in Brasilien)
  • Sheelagh (1/2 Deutsche, 1/2 chinesische Malayin, seit 14 Jahren wieder in Deutschland, davor zw. Deutschland und Malaysia gependelt, hat gerade ihre Magisterarbeit über Sinologie abgegeben, ist jetzt wg. der Hochzeit für reichlich 3 Wochen in Brasilien)
  • Jaquin (Deutscher, in Brasilien geboren, für das Abitur und dann Studium des Wirtschaftsingenieurwesens nach Deutschland zurück gekommen, seit 11 Jahren dort, zur Zeit in Sao Paolo zum Pratikum)
  • Hanna (1/2 Deutsche, 1/2 Ungarin, seit 10 Jahren wieder in Deutschland, Assistenzärztin, ist jetzt wg. der Hochzeit für 2 Wochen in Brasilien)
  • und immer wieder Gäste
  • und 2 Hunde (ein Pudel und ein Chau-Chau)
Das macht 10 Leute. Und alle mussten sich schick machen, in 2 Bädern. Ich war heute Vormittag noch mit Dima unterwegs, im Schönheitssalon, unter anderem zur Maniküre und Pediküre. Was tolles. Einfach fein. Man fühlt sich viel besser danach. Drei Mädels waren noch beim Friseur. Das spannendste finde ich, wie man ohne Brasilianisch zu können, doch bekommt, was man will. Und zu Preisen, von denen man in Deutschland nur träumen kann.

Leider kann ich keine Photos reinstellen, denn Du kannst hier nicht mit Kamera unterwegs sein, angeblich klaut man sie Dir sonst hier. Mh.

Sonne, Sand und Meer ... und ich

Drei entspannte Tage an der Nordost-Küste (in Canoa-Quebrada) liegen hinter mir. So könnte ich weiter machen: ein Zimmer mit Meeresblick, Aufstehen, wann ich will, Frühstück serviert bekommen, runter ans türkisfarbene Meer, sich unter einen Palmenblätterbedeckten Schirm legen, frische Fruchtgetränke serviert bekommen, und einfach nur geniessen, nichts denken, ab und an ins Meer springen (wobei ich echten Respekt vor dem Atlantik habe). Leider sind sie schon wieder vorbei, da ich zum eigentlichen Grund meiner Reise zurückgekehrt bin: Jeanettes Hochzeit. Und danach werd ich gucken, wie es weiter geht.

Montag, 30. August 2010

und wieder gucken alle zu,

beim schon zur Normalität gehörenden Völkermord im Kongo. Es zerreisst mich innerlich, wie wir mit Fingern auf andere zeigen, wobei wir indirekt an dem Leid in der Welt beteiligt sind, uns über Dinge aufregen, die vielleicht gar nicht so passiert sind, die durch die Medien völlig verändert werden. Und selbst bin ich ohnmächtig.

Die Welt dreht sich weiter, während
  • die UN 500 Seiten über den Völkermord im Kongo schreibt
  • die UN-Blauhelme aus dem Kongo abziehen
  • wir Thilo Sarrazins wegen seiner angeblichen Thesen (wer hat denn mal wirklich gelesen, was er schreibt) verteufeln und uns als die besseren Menschen fühlen (weil wir ja so tolerant sind, aber nur denen gegenüber, die politisch korrekt ins Bild passen)
  • wir Politiker an den Pranger stellen, die das Fortbestehen der AKWs unterstützen
vielleicht wäre es besser, wenn
  • die UN endlich im Osten des Kongos eingreift
  • die UN ihre UN-Blauhelme nicht abzieht
  • wir die Elektronikindustrie boykottieren, die zu den anhaltenden Massenmorden im Osten des Kongos beiträgt (d.h. nicht immer wieder der Werbung erliegen, die uns ein noch besseres Handy oder einen noch leistungsfähigeren Laptop anbietet, usw.)
  • unseren Stromverbrauch minimieren

Sonntag, 29. August 2010

endlich, nach über 24 Stunden

bin ich nun in Fortaleza im Nordosten Braziliens angekommen. Ich hatte schon Angst, dass die Reise in Lissabon endet. Bei der Landung in Lissabon wackelte das Flugzeug extrem. Ich hatte richtig Herzklopfen. Aber Gott sei Dank, bin ich heil angekommen.
Das Wetter hier ist perfekt: schwül-warm, bei ca. 35°C. Bei manchen Dingen muss ich schmunzeln, weil sie so typisch südliche Mentalität sind:
im Flughafen gibt es eine extra Ordnerin, die den Leuten ein Zeichen gibt, wann sie beim Zoll dran sind
die Menschen gehen bei Rot über die Ampeln, andererseits beachtet kein Autofahrer die Zebrastreifen
bestimmt werden sich noch mehr Dinge in diese Aufzählung reihen.
Ich bin gespannt, wie es wird. Nen festen Plan hab ich noch nicht, aber ich weiss schon, was ich mir ansehen möchte. Morgen kommen noch 2 Freunde meiner Freundin, die jetzt heiratet, an. Mit ihnen möchte ich paar Orte erkunden.

Mittwoch, 18. August 2010

Wie deutsche Verbraucher den Regenwald kahl essen

Nirgendwo in Deutschland ist Massentierhaltung weiter verbreitet als im Emsland oder in Vechta und Cloppenburg (Niedersachsen). Über Jahrzehnte haben hier die großen Konzerne der Branche ganze Landstriche umfunktioniert, um in riesigen Fabriken enorme Mengen an Geflügel zu mästen und zu schlachten. Aufgrund von Massenproduktion ist es außerdem so preiswert wie nie zuvor. Die Verbraucher übersehen gerne, dass die niedrigen Preise mit einem Unmaß an Tierquälerei einhergehen. Viele Millionen Tiere darben in engen, verdreckten Käfigen oder überfüllten, riesigen Ställen dahin. Für die Hähnchen und Legehennen sind die Massenställe eine lebenslängliche Tortur.

Mehr unter www.Regenwald.org

Montag, 5. Juli 2010

5 Tage und 50 Jahre

ist die Dem. Rep. Kongo unabhängig (und chaotisch). Das wurde groß gefeiert. Joseph Kabila, der Präsident, hat es geschafft, ein Fest mit vielen bekannten Persönlichkeiten zu feiern. Kosten und Mühen wurden nicht gescheut.



Vor 50 Jahren zog sich eher die belgische Kolonialmacht zurück, als dass die Kongolesen für ihre Unabhängigkeit gekämpft hätten. Und heute geht es ihnen oft schlechter als unter belgischer Herrschaft. Das Land wird ausgebeutet. Sein Reichtum wird nur den allerwenigsten zum Vorteil. Immer noch tobt im Osten des Landes der blutigste Krieg seit dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Wohin steuert das Land im Herzen Afrikas, das ein Stabilisator in der Region sein könnte? Keiner weiss es. Erahnen kann man es, wenn man mal dort war.

Sonntag, 13. Juni 2010

Montag, 3. Mai 2010

Samstag, 17. April 2010

PC oder Political Correctness

Aus "Krüppeln" werden "Behinderte", aus Arbeitslosen "Hartz-IV-Empfänger", aus Schulversagern "bildungsferne Kinder", aus Armen "Benachteiligte". Längst ist im politisch korrektesten Land auf Erden, [Vereinigte Staaten von] Amerika, eine kleine Sarkasmusindustrie entstanden. Doofe sind "mentally challenged" ("geistig herausgefordert"), Dicke sind "horizontally challenged". Sprach-Verschlingungen durch "Gender-Mainstreaming" bleiben auch bei uns nicht aus, wie Max Goldt anhand der Phrase "sterbende Studierende" (nach einem Uni-Massaker) anmerkt. Wie kann man gleichzeitig sterben und studieren?

aus einem Artikel der "Zeit"

Sonntag, 11. April 2010

Abu Dhabi wird langsam bekannter

Früher war ich immer neidisch auf die, die in Dubai gelebt haben, der glanzvollen und reichen Stadt. Abu Dhabi war den meisten völlig unbekannt. Nun scheint sich das Blatt zu wenden.

Samstag, 10. April 2010

Ostern in Mbandaka

Ein Pastor aus Mbandaka schrieb:

Am Ostersamstag hatten wir die riesige Freude 41 Leute taufen zu können. Schon um 6 Uhr morgens, als es eben hell wurde, sind wir zum Fluß gezogen. Die Täuflinge hatten eine gute Vorbereitung erfahren. Viele waren noch jung, aber alle über 12 Jahre alt. Der älteste Mann war 81 und eine Frau war 78 Jahre alt. Eigentlich wollten 46 Personen getauft werden, aber als einige sahen, wie tief sie in die Strömung im Fluss gehen mussten, haben 5 Personen Angst bekommen und sind geflüchtet.

Am Ostersonntag kamen alle zum Freudenfest mit einem großen gemeinsamen Essen.

Aber gegen 10,45h kamen Soldaten in die Kirche und befahlen, dass jeder sofort nach Hause laufen soll. „Die Enyele sind in Mbandaka“, schrieen die Soldaten.

Viele konnten wenigstens noch die Kinder und das Essen mitnehmen. Andere sind in der Panik einfach so weggelaufen. Der alte Mann, der am Tag zuvor getauft wurde, ist nachmittags vor Aufregung gestorben. 2 schwangere Frauen hatten eine Fehlgeburt. Es war schrecklich.

Die Enyele sind ein Volksstamm am Ubangifluss, und sie hatten wegen der Fischrechte Streit mit den Munzaya. Diese Zankerei hat sich im Norden der Provinz zu einem richtigen Bürgerkrieg mit unterschiedlichen Rebellengruppen ausgeweitet. Es hat da schon unzählige Tote gegeben und zigtausend Menschen sind über die Grenze nach Brazza geflüchtet. Die Regierung versucht schon lange erfolglos da für Ordnung zu sorgen.

Eine Gruppe der Enyele hat das Schiff Makaîla gekapert, das flussabwärts fuhr und ist am Ostermorgen in Mbandaka an Land gegangen. Sie waren nur mit Buschmessern und Pfeil und Bogen bewaffnet. Weil aber an diesem Sonntag niemand an Böses dachte, konnten sie am Hafen das Kamp der Uno und gleich daneben die Residenz des Gouverneurs erobern. Dabei fielen ihnen viele Maschinenpistolen und andere Waffen in die Hände, und bald hatten sie auch die Wachen auf dem Fugplatz überwältigt.

Da haben die Soldaten, zusammen mit den UNO-Leuten endlich Widerstand geleistet und

ein harter Kampf begann. Man hörte sogar Geschützfeuer, das Mbandaka erschütterte. Aber zuletzt wurden die Rebellen vertrieben. Man weiß nicht wo sie jetzt sind.

Die Stadt ist jetzt voll Militär. Aber auch in der vergangenen Nacht hörte man Schüsse fallen.

2 UNO-Soldaten, 4 andere Soldaten und 9 Enyele sind tot. Es gibt auch Tote und sehr viele Verletzte, unter der Zivilbevölkerung. Der Trommler unserer Kirche hat eine Kugel im Arm und liegt auch im Krankenhaus.

Aber die UNO-Soldaten sind von weit her gekommen, um im Kongo zu helfen, jetzt mussten sie hier durch Kongolesen sterben. Das ist alles sehr traurig.

Alle haben Angst. Es gibt weder einen Markt, noch offene Geschäfte. Ein Brot von 200 Franc konnte ich für 500 Franc kaufen.

Aber es ist Ostern, und das heißt: Jesus lebt!

Wir haben Angst und wissen uns nicht zu helfen.

Aber so, wie Jesus gelitten hat und auferstanden ist, wird es für uns auch eine Auferstehung geben.


Womit haben wir in Deutschland eigentlich verdient, in Frieden Ostern erleben zu dürfen? Und welch einen Glauben müssen die Menschen im Kongo (und in anderen Kriegsgebieten) haben?

Donnerstag, 8. April 2010

drohender Krieg im Nordwesten des Kongos

Am Sonntag haben Milizen den Flughafen von Mbandaka eingenommen und dabei 2 UN Soldaten und mehrere Zivilisten getötet. Am Abend hatte die kongolesische Armee mit Hilfe der UN den Flughafen zurück erobert. Hinter diesem Zwischenfall steht mehr, als es scheint. Der Kongo ist ein Land, so groß, wie Westeuropa, ohne adäquate Infrastruktur, das Land ist von Kinshasa aus nicht zu regieren. Das Land droht endgültig im Chaos unterzugehen, sollte nicht bald ein Föderalstaat aufgebaut werden. Präsident Kabila fordert den Abzug der MONUC bis Ende Juni. Doch ist das wirklich möglich? Die UN ist trotz allem ein Stabilisator, wenn auch immer wieder ihr Einsatz von internationaler und kongolesischer Seite in Frage gestellt wird.

ZEIT: Der Anfang vom Ende der MONUC

Mittwoch, 7. April 2010

zum Abschalten

wunderschön, die Mischung aus Flügel und Elekro-Musik

Blut in Deinem Handy



Das ist der Trailer zum Dokumentarfilm "Blood in the mobile".

Dienstag, 6. April 2010

Lichtblicke unter Tage

so berichtet Dominic Johnson aus dem Kongo. Die Handelsstrecke der Mineralien soll durchsichtiger werden, um so den Warlords im Osten des Kongos die Möglichkeit zu nehmen, ihre Kriege weiterhin mit dem Handel der Mineralien zu finanzieren.

Montag, 29. März 2010

Der grausame Weg...

... aus den kongolesischen Bergwerken in unsere elektronischen Geräte.

Die grüne Stadt...

... mitten in der Wüste gebaut. Schon lange wurde drüber geschrieben und geredet, aber nun wurde ein Anfang gemacht: Masdar - Abu-Dhabis CO2-neutrale Stadt.

Sonntag, 28. März 2010

ein kurzer Rückblick

Deine Bilder und Fotos in einer Slideshow auf MySpace, Knuddels oder deiner Homepage!alle Bilder dieser Slideshow anzeigen

Schon bin ich wieder 4 Wochen in Deutschland, und ich habe mich wieder an die luxuriösen Lebensumstände gewöhnt: sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn, 24h-Strom, eine feste Matratze, einen Herd, eine Waschmaschine, eine saubere Badewanne, gute Straßen, schnelle Züge, sichere Flugzeuge. Vermissen tue ich die angenehme Hitze, das viele Lachen der Menschen, die unzähligen Kinder, die Gelassenheit, die Ruhe, die der gigantische Kongo-Strom ausstrahlt, die phantastische Natur.

Ich hatte eine wunderbare und erlebnisreiche Zeit, allerdings gab es viele Momente, in denen es fast mein Herz zerissen hätte: die Aussichtslosigkeit, die in dem 3. größten Land Afrikas herrscht ist unbeschreiblich. Durch 50 Jahre Unabhängigkeit und korrupte Herrscher, fast 20 Jahre (Bürger)Krieg und Ausbeutung durch Multinationale Firmen, ist das Land geschunden. Bittere Armut fällt einem sofort ins Gesicht. Aber darüber möchte ich demnächst nicht berichten.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Zurueck in etwas Zivilisation

bzw. in der vernetzten Welt. Nach 2 Wochen kann ich endlich wieder schreiben. Uebergluecklich vor einer Stunde heil in Kinshasa angekommen zu sein (mit Hewa Bora Airways, deren Flugzeuge nicht mehr in Europa landen duerfen, da die Instandhaltung miserabel ist), voller Erlebnisse und wertvoller Begegnungen, froh, endlich in einen Spiegel gucken zu koennen und einen Ventilator in meinem Zimmer zu haben.
Jetzt werde ich erst einmal mit Meieli, einer schweizerischen Missionarin, die auf den Tag genau 41 Jahre aelter ist als ich, und fast genauso lange im Kongo lebt, in der Amerikanischen Schule schwimmen gehen und den Abend ausklingen lassen. Morgen machen wir uns einen schoenen Tag nachtraeglich zum Geburtstag. Vielleicht hat sogar noch der Grieche auf, zu dem ich mit meinem Vater regelmaessig als Kind essen gegangen bin, wenn wir nach Kinshasa geflogen sind, um zum Kieferorthopaeden zu gehen, und das letzte Mal vor 6 Jahren essen war.
Ganz liebe Gruesse an alle, die das hier lesen, ich freu mich auf Euch
Eure Hanna

Samstag, 16. Januar 2010

So manches Schlechtes hat auch sein Gutes

Zum Beispiel die Piraterei vor der Küste Ostafrikas. Dort erholen sich gerade die Fischbestände. Keiner traut sich mehr in die Gewässer, weder legale noch illegale Fangflotten. Dazu ein Artikel vom FOCUS.