Gerade komme ich von einem Streifzug mit meinem Radel durch die Stadt. Mein ursprungliches Ziel war der Strand.
Je näher ich der Stadtmitte komme, desto mehr Menschen mit Plakaten sehe
ich. Am Rathausplatz, an dem Yithzak Rabin
1995 erschossen wurde, entschliesse ich mich dazu, einfach mal den
anderen nachzufahren. Auf dem Weg dorthin sehe ich viele alte Israelis,
die sich unterhalten, ein paar Meter weiter die philippinischen
Pflegerinnen. Den Radweg kreuzen immer wieder uneinsichtige Fußgänger.
Immer mehr Polizisten und Rettungswägen sind zu
sehen, über der Stadt kreisen 2 oder 3 Hubschrauber sowie 2 Zeppeline. Mir kommt der Gedanke: Was, wenn hier ein Terroranschlag
stattfindet? Dennoch scheinen die vielen Polizisten recht gelassen zu sein. Es sind auch noch 2 Stunden bis zur Kundgebung, dem Marsch der Million (hier gibt es Bilder), für mehr soziale Gerechtigkeit.Als ob das Land selbst nicht schon genug (soziale) Probleme hätte (hohe Lebenshaltungskosten):
- im Süden des Landes herrscht erhöhte Alarmbereitschaft, wegen erwarteter weiterer Anschläge,
- der Iran demonstriert seine Macht durch die Stationierung eines Kriegsschiffes und eines U-Bootes im Roten Meer,
- der isralische Botschafter (Gabby Levy) wird aus der Türkei gewiesen (nebenbei: er ist schon einige Zeit vorher in Israel gewesen, weil jetzt seine Zeit als Botschafter abgelaufen ist),
- die Palästinenser wollen demnächst ihren eigenen Staat ausrufen (Wer unterstützt eigentlich die Kurden bei der Schaffung ihres Staates? Sie sind immerin 30 Millionen. Aber Ministerpräsident Erdogan unterdrückt sie lieber und zeigt den Finger gen Israel.)
- und die Länder drum herum (zumindest Ägypten und Syrien) sind völlig instabil.
Zurück zu Tel Aviv: nachdem ich den Platz durchfahre, an dem anscheinend die Hauptkundgebung stattfindet (die Reporter verschiedener Nachrichtenagenturen werden positioniert, geschminkt, die Kameras werden eingestellt, das Mikro an der Haupttribünde scheint noch nicht so recht zu funktioneren, es werden Plakate mit dem Bild von Benjamin Netanjahu verteilt, leider verstehe ich nicht, was drauf steht), inzwischen ist die Sonne schon untergegangen, fahre ich entlang einer der mehreren Straßen, die von großen und kleinen (Kinder-)Zelten gesäumt sind. Zwischendurch Sitzgruppen mit alten Sofas. Plakate hängen an den Bäumen, die eine Allee bilden. Auf dem Weg zum Strand treffe ich eine Gruppe von Hare-Krishna-Anhängern, die sich bei monotoner Musik in Trance tanzen. Ich hole mir noch schnell eine Falafel und setze mich an den Strand. Hinter mir die pulsierende Stadt, vor mir das Meer, die Wellen. Im Süden erstrahlt Jaffa, die Schöne, über ihr scheint der Neumond. Ich bin dankbar, hier sein zu dürfen. Irgendwann schwinge ich mich auf´s Rad und fahre entlang der Strandpromenade Richtung Norden. Am Ende der Promenade tanzen ca. 50 Israelis (junge, alte, dicke, schlanke, Alternative, schicke Damen), manche anmutig, andere etwas steif, im Freien israelische Volkstänze zu israelischer (melancholisch bis fröhlicher) Musik: ich bleibe stehen und lasse die Athmosphäre einige Zeit auf mich wirken.
Danke für diese eindrückliche Schilderung! Liebe Grüße
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